Heute vor 49 Jahren verstorben: Der amerikanische Soziologe und Kulturanthropologe William Lloyd Warner

Am 23. Mai vor 49 Jahren, also im Jahr 1970, starb der amerikanische Soziologe und Kulturanthropologe Wiliam Lloyd Warner. Er ist bekannt für seine Studien über die soziale Struktur der zeitgenössischen Vereinigten Staaten. Das klingt zunächst nicht besonders bemerkenswert. Seine Untersuchungen der sozialen Struktur der Vereinigten Staaten waren aber tatsächlich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.

Erstens war er der erste, der die soziale Struktur des Landes und damit auch die Ungleichheitsstruktur mit Bezug auf die weiße Mehrheitsbevölkerung auf umfassende Weise aus der Perspektive des Funktionalismus beschrieben hat. Er wollte beschreiben, wie das Zusammenspiel zwischen verschiedenen sozioökonmischen Klassen funktioniert, und dabei möglichst wertfrei, d.h. ohne seine Beschreibung vorab von irgendwelchen politischen Theorien leiten oder einschränken zu lassen, beschreiben. Warner hat damit eine regelrechte Flut von Folgeforschungen über die Sozialstruktur der USA augelöst, wie jeder prüfen kann, der sich die Inhaltsverzeichnisse soziologischer Zeitschriften aus den 1940er- und 1950er-Jahren betrachtet.

Zweitens ist Warners Arbeit bemerkenswert, weil er seine Untersuchungen der Sozialstruktur nicht aus makrosoziologischer Perspektive betrieben hat, sondern aus mikrosoziologischer Perspektive, d.h. bei seinen Untersuchungen ist er nicht „top down“ von abstrakten Konzepten und Aggregaten ausgegangen, sondern von der Interaktion zwischen Menschen. Sozialstruktur war für Warner dementsprechend die Gesamtheit der sozialen Beziehungen zwischen den Menschen in einer Gesellschaft. Dementsprechend hat die Erforschung der Sozialstruktur bei Warner die Form einer Reihe von Gemeindestudien angenommen, von denen die berühmteste und umfassendste als „Yankee City“-Studie bekannt ist; sie ist in fünf Bänden publiziert worden. Die Beschreibung der Sozialstruktur in einer Gemeinde nahm Warner vor, indem er verschiedene Arten sozialer Beziehungen betrachtete, wie sie in der Familie, in der Schule, in religiösen Vereinigungen, in Zusammenschlüssen mit wirtschaftlichen Interessen etc. auftreten. Dabei sammelte Warner sowohl qualitative als auch quantitative Methoden, bediente sich also dessen, was man heute einen „Methoden-Mix“ nennen würde.

Die „Yankee City“-Studie wurde in den Jahren 1930 bis 1935 in der ethnographischen Tradition durchgeführt, womit Warner – drittens – einer der Ersten, wenn nicht der Erste, war, der die ethnographische Methode, die im Zusammenhang mit der Forschung über außereuropäische, „primtive“ Gesellschaften entwickelt wurde, auf die eigene – westliche –  Gesellschaft angewendet hat. Tatsächlich waren Warners frühere Forschungen in den Jahren 1926 bis 1929 Untersuchungen unter der Leitung von Alfred R. Radcliffe-Brown über die Sozialstruktur der Aborigines in Arnhem-Land im Norden Australiens. Ethnologen kennen und schätzen Lloyd Warner vor allem aufgrund dieser Forschungen und insbesondere seiner Beschreibung des Verwandtschaftssystems und der Heiratsregeln der Murngin, heute gewöhnlich gemäß ihrer Selbstbezeichnung Yolngu genannt. Er hat also ethnologische Feldforschung betrieben und das in ihr verwendete Instrumentarium auf seine spätere Forschung in der eigenen Gesellschaft übertragen.

Sowohl für die Ethnologie als auch für die Soziologie waren Lloyd Warners Arbeiten wichtig und richtungsweisend, und bis  heute sind seine Untersuchungen relevant. Beispielsweise sind seine Gemeindestudien z.B. sind im Zusammenhang mit Konzepten wie „soziales Kapital“ und „sozialer Partizipation“ sowie in der Forschung über Institution später wiederentdeckt worden (s. z.B. Baba 2009; Flora 1998).


Bei den im Text angesprochenen bzw. zitierten Werken handelt es sich um:

Baba, M L., 2009: W. Lloyd Warner and the Anthropology of Institutions: An Approach to the Study of Work in Late Capitalism. Anthropology of Work Review 30(2): 29-86.

Flora, Jan L., 1998: Social Capital and Communities of Place. Rural Sociology 63(4): 481-506.

Warner, W. Lloyd, 1959: The Living and the Dead: A Study of the Symbolic Life of Americans. (Yankee City Series, volume 5). New Haven: Yale University Press.

Warner, W. Lloyd, 1949: Democracy in Jonesville: A Study in Quality and Inequality. New York: Harper & Row.

Warner, W. Lloyd, 1937: A Black Civilization: A Social Study of an Australian Tribe. Peter Smith.

Warner, W. Lloyd, & Low, J. O., 1947: The Social System of the Modern Factory. (Yankee City Series, volume 4). New Haven: Yale University Press.

Warner, W. Lloyd, & Lunt, Paul S., 1942: The Status System of a Modern Community (Yankee City Series, volume 2). New Haven: Yale University Press.

Warner, W. Lloyd, & Lunt, Paul S., 1941: The Social Life of a Modern Community (Yankee City Series, volume 1). New Haven: Yale University Press.

Warner, W. Lloyd, & Srole, Leo, 1945: The Social Systems of American Ethnic Groups (Yankee City Series, volume 3). New Haven: Yale University Press.

Ökonomie: Meritokratie

Fairness, Gerechtigkeit, Meritokratie, die drei Konzepte sind miteinander verwandt oder doch zumindest mit einander verbunden. Fairness bezieht sich auf die Art der Behandlung von Akteuren, Gerechtigkeit darauf, dass die Relation der Behandlung die unterschiedliche Leistung in Rechnung stellt und Meritokratie scheint eine Klammer über beide zu bilden. Amartya Sen hat dies im Jahre 2000 wie folgt argumentiert:

„In fact, meritocracy is just an extension of a general system of rewarding merit, and elements of such systems have clearly been present in one form or another throughout human history. There are, it can be argued, at least two different ways of seeing merit and systems of rewarding it.

  1. Incentives: Actions must be rewarded for the good they do, and a system of remunerating the activities that generate good consequences would, it is presumed, tend to produce a better society. The rationale of incentive structures may be more complex than this simple statement suggests, but the idea of merits in this instrumental perspective relates to the motivation of producing better results. In this view, actions are meritorious in a derivative and contingent way. depending on the good they do, and more particularly the good than can be be brought about by rewarding them.
  2. Action propriety: Actions may be judged by their propriety – not by their results – and they may be rewarded according to the quality of such actions, judged in a result-independent way. Much use has been made of this approach to merit and parts of deontological ethics separate outright conduct – for praise and emulation – independent of the goodness of the consequences generated.

[…] I shall concentrate in the chapter on the view of merit in terms of results and incentives. It is, in fact, virtually the only grounded and defended theory that can be found in the contemporary economic literature (…). Indeed, the practice of rewarding good (or right) deeds for their incentive effects cannot but be an integral part of any well-functioning society. No matter what we think of the demands of ‚meritocracy‘ as it is usually defined, we can scarcely dispense with incentive systems altogether. The art of developing an incentive system lies in delineating the content of merit in such a way that it helps to generate valued consequences“ (Sen, Merit and Justice, pp.8-9)