Theoriebildung in den Sozialwissenschaften

Die Fragen danach, was eine Theorie darstellt, welche Belege notwendig sind, um die eigene Theorie zu stützen, ob überhaupt Belege notwendig sind, spalten die Sozialwissenschaften in den letzten Jahren immer stärker. Während die einen argumentieren, dass man kaum eine Allgemeingültigkeit für etwas reklamieren könne, was einer empirischen Prüfung und somit einem Nachvollzug durch die wissenschaftliche Gemeinschaft nicht zugänglich sei, verteidigen die anderen ihre Ansicht, dass man durch lange Beschäftigung mit Text und Thema, tiefere Einsichten gewinnen kann, die wiederum nur dem nachvollziehbar sind, der sich ebenso lange und tief mit einem Text / einem Thema auseinandersetzt.

In einem alten Buch zur Methodik der Politikwissenschaft bemühen sich Ulrich von Alemann und Erhard Frondran darum, die Landschaft der Theorienbildung zu fassen. Wir haben den sehr nützlichen Versuch hier zusammengefasst:

Die drei Schulen der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung:

  • (I) Normativ-ontologische Theorieansätze
  • (II) Analytische Theorieansätze
  • (III) Dialektische Theorieansätze

Erkenntnisziel:

  • (I) ‚wesentliche Aussagen‘, praktischer Rat
  • (II) Gesetze
  • (III) Historische Gesetze, Gesellschaftskritik

Erkenntnisinteresse:

  • (I) praktisch-philosophisch
  • (II) empirisch
  • (III) emanzipatorisch

Erkenntnisgegenstand

  • (I) Sinn und Wesen von Staat und Gesellschaft
  • (II) Soziale Handlungen
  • (III) Gesellschaftliche Totalität

Logischer Status

  • (I) argumentativ / phänomenologische Begründung
  • (II) Aussagenlogik
  • (III) jede Art logischer Begründung

Normativer Status

  • (I) Einschluss von ontologisch begründeten Werten
  • (II) Ausschluss von Werten
  • (III) Einschluss von historisch begründeten Werten

Tätigkeit des Wissenschaftlers

  • (I) Wissenschaftliches Nach- und Vordenken
  • (II) Beschreiben, erklären, prognostizieren
  • (III) Kritisch konfrontieren und politisch wirken

Analysearten

  • (I) Historisch-genetische, institutionelle und ideengeschichtliche Analyse
  • (II) Strukturell-funktionale und empirische Analyse
  • (III) Historisch-genetische und empirische Analyse

Verarbeitungsmuster

  • (I) Hermeneutik, Phänomenologie, Topik
  • (II) Logischer Empirismus
  • (III) Hermeneutik, Dialektik

Verfahrenstechniken

  • Historisch-philosophische Argumentation, Quellen- und Textkritik
  • Methoden der empirischen Sozialforschung
  • Historisch-ökonomische und ideologiekritische Analyse

Alemann, Ulrich von & Forndran, Erhard (1985). Methodik der Politikwissenschaft. Eine Einführung in Arbeitstechnik und Forschungspraxis. Stuttgart: Kohlhammer.

Qualitative Inhaltsanalyse

Der Begriff der qualitativen Inhaltsanalyse wird von vielen gebraucht um im Allgemeinen eine Methode der Datenanalyse zu bezeichnen, von der die meisten phixDaumen zu wissen meinen, was ihr Gegenstand ist und welche Ziele mit ihr verfolgt werden. Doch bereits die Nachfrage, was man unter einer „Inhaltsanalyse“ zu verstehen hat, bringt die meisten ins Schleudern oder doch zumindest eine Vielzahl vollkommen unterschiedlicher Beschreibungen dessen, was man für eine Inhaltsanalyse hält.

Philipp Mayring hat sich die Mühe gemacht, aus der Vielzahl der Definitionen, die es zu „Inhaltsanalyse“ gibt, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Herausgekomme sind dabei sechs Punkte, die die Inhaltsanalyse nach Ansicht von Mayring bestimmen bzw. Letztere umfassen muss:

  1. „Inhaltsanalyse hat Kommunikation zum Gegenstand, also die Übertragung von Symbolen (…). In aller Regel handelt es sich zwar um Sprache, aber auch Musik, Bilder u.ä. können zum Gegenstand gemacht werden. […]
  2. Die Inhaltsanalyse arbeitet mit Texten, Bildern, Noten, mit symbolischem Material also. Das heißt, die Kommunikation liegt in irgendeiner art protokolliert, festgehalten vor. Gegenstand der Analyse ist somit fixierte Kommunikation.
  3. Besonder heftig wehren sich Inhaltsanalytiker immer wieder gehen freie Interpretation, gegen impressionistische Ausdeutung des zu analysierenden Materials. Inhaltsanalyse will systematisch vorgehen. Damit grenzt sie sich gegen einen Großteil hermeneutischer Verfahren ab.
  4. Das systematische Vorgehen zeigt sich vor allem darin, dass die Analyse nach expliziten Regeln abläuft (zumindest ablaufen soll). Diese Regelgeleitetheit ermöglicht es, dass auch andere die Analyse verstehen, nachvollziehen und überprüfen können. Es dadurch kann Inhaltsanalyse sozialwissenschaftlichen Methodenstandards (intersubjektive Nachprüfbarkeit) genügen.
  5. Das systematische Vorgehen zeigt sich aber auch darin, dass eine gute Inhaltsanalyse theoriegeleitet vorgeht. Sie will nicht einfach einen Text referieren, sondern analysiert ihr Material unter einer theoretisch ausgewiesenen Fragestellung; die Ergebnisse werden vom jeweiligen Theoriehintergrund her interpretiert und auch die einzelnen Analyseschritte sind von theoretischen Überlegungen geleitet. Theoriegeleitetheit bedeutet dabei nicht Abheben von konkretem Material in Sphären der Unverständlichkeit, sondern heißt Anknüpfen an die Erfahrungen anderer mit dem zu untersuchenden Gegenstand.
  6. Im letzten Punkt wurde bereits angedeutet, dass Inhaltsanalyse ihr Material nicht ausschließlich für sich analysieren will (wie z.B. die Textanalyse), sondern als Teil des Kommunikationsprozesses. Sie ist eine schlußfolgernde Methode, darauf haben vor allem amerikanische Kommunikationswissenschaftler hingewiesen (…). Sie will durch Aussagen über das zu analysierende Material Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen. Aussagen über den „Sender“ (z.B. dessen Absichten), über Wirkungen beim ‚Empfänger“ o.ä. ableiten“ (Mayring 2006: 12)

 

Schauspielen am Arbeitsplatz [Wirtschaftspsychologie]

Free Trait Acting, so nennen Brian Little und Sanna Balsari-Palsude es, wenn Personen, die eigentlich introvertiert sind, sich extrovertiert verhalten bzw. wenn Extrovertierte sich introvertiert verhalten, wenn Menschen sich in einer Weise verhalten, wie beide sagen, die ihrem Charakter nicht entspricht, wenn sie jemanden spielen, der sie nicht sind.

Goffman TheaterDie Prämissen der entsprechenden Forschung sind offenkundig: Wir haben Charaktermerkmale, die uns ausmachen, die uns eigen sind, die wir nicht verändern können, die uns, wenn man so will, festschreiben. Entsprechend denken Little und Balsari-Palsude, dass man feststellen kann, wann jemand sich anders verhält als er eigentlich ist, wann er schauspielt, schlecht schauspielt möchte man ergänzen.

Besonders Balsari-Palsude sagt von sich, “I loved the idea that acting is not something restricted to the stage, that we are so often faced with the need to perform in daily life”. Diese Idee ist nun alles andere als neu. Erving Goffman hatte sich schon vor Jahrzehnten (1959) und unter dem Titel “The Presentation of Self in Everyday Life” (“Wir alle spielen Theater” in der deutschen Übersetzung) veröffentlicht.

Die Idee damals wie heute: Situationen, denen man sich im täglichen Leben gegenübersieht, können eine Anpassung verlangen. So ist es eher wenig förderlich, wenn der neue Mitarbeiter, weil er extrovertiert ist, sich über vorhandene Hierarchien hinweg setzt, um seine Meinung durchzusetzen, ein Ergebnis, das Balsari-Palsude in ihrer Forschung und wenig überraschend findet. Ebenso wird ein introvertierter Chef, seine charakterliche Disposition der Zurückhaltung hinter sich lassen müssen und den extrovertierten und Anweisungen gebenden Führer spielen, wenn es die Situation erfordert.

Dass dem so ist, stellt die biologische Disposition, die Little und Balsari-Palsude annehmen, in Frage, denn: Wenn ein vermeintlich Introvertierter sich extrovertiert verhalten kann, ist es dann nicht sinnvoller anzunehmen, dass das Verhalten sozial und nicht biologisch induziert ist?