Schule als Autoritätsstruktur

Aus alten Arbeiten zur Soziologie, im vorliegenden Fall zur Bildungssoziologie, kann man in der Regel nicht nur erfahren, welche Themen und Herangehensweisen von Wissenschaftlern vergangener Tage verwendet wurden, oftmals sind die Arbeiten aufgrund ihrer theoretischen, methodischen und inhaltlichen Tiefe sehr interessant und ein Vorbild für heutige Arbeiten.

Die Arbeiten, die Howard Becker zu Bildungsthemen erstellt hat, sind solche Arbeiten. Sie breiten nicht nur Methoden qualitativer Sozialforschung als Zugang zu einem Forschungsfeld aus und zeigen deren gekonnte Anwendung, sie zeigen auch, wie man empirisches und theoretisches Arbeiten miteinander so verbindet, dass nicht beides nebeneinander besteht, wie monolithische Blöcke, zwischen denen es keine Verbindung gibt, wie dies heute häufig der Fall ist.

Eine Darstellung der Einbindung schulischer Lehrer, die für Lerner der qualitativen Sozialforschung eine perfekte Anwendung der dokumentarischen Methode zur Auswertung narrativer Interviews darstellt, schließt Becker mit dem folgenden Fazit ab:

„I have presented the teacher as a person who is concerned (among other things) with maintaining what she considers to be her legitimate authority over pupils and parents, with avoiding and defending against challenges from these sources. In her view, the principal and other teachers should help her in building a system of defense against such challenges. Through feelings of colleagueship and the use of various kinds of sanctions, a system of defense and secrecy (oriented toward preventing the intrusion of parents and children into the authority system) is organized.

This picture discloses certain points of general relevance for the study of institutional authority systems. In the first place, an institution like the school can be seen as a small, self-contained system of social control. Its functionaries (principal and teachers) are able to control one another, each has some power to influence the other’s conduct. This creates a stable and predictable work setting in which the limits of behavior for every individual are known, and in which one can build a satisfactory authority position of which he can be sure, knowing that he has certain methods of controlling those – who ignore his authority.

In contrast the activities of those who are outside the professional group are not involved in such a network of mutual understanding and control. Parents do not necessarily share the values by which the teacher legitimates her authority. And while parents can apply sanctions to the teacher, the teacher has no means of control which she can use in return, in direct retaliation.

To the teacher, then, the parents appear as an unpredictable and uncontrollable element, as a force which endangers and may even destroy the existing authority system over which she has some measure of control. For this reason, teachers (and principals who abide by their expectations) carry on an essentially secretive relationship vis-a-vis parents and the community, trying to prevent any event which will give these groups a permanent place of authority in the school situation. The emphasis on never admitting mistakes of school personnel to parents is an attempt to prevent these outsiders (who would not be subject to teacher control) from getting any excuse which might justify their intrusion into and possible destruction of the existing authority system.

This suggests the general proposition that the relations of institutional functionaries to one another are relations of mutual influence and control, and that outsiders are systematically prevented from exerting any authority over the institution’s operations because they are not involved in this web of control and would literally be uncontrollable, and destructive of the institutional organisation, as the functionaries desire it to be preserved, if they were allowed such authority“

(Becker, Howard Becker on Education, pp.56-58).

Qualitative Inhaltsanalyse: Strukturierung

Man sammelt Daten, macht Interviews, stellt Dokumente zusammen, und am Ende hat man viel Text. Sehr viel Text. Und was macht man mit dem Text? Wie wertet man ihn aus? Wie rückt man ihm zuleibe?

Generell ist es das Ziel aller qualitativen Verfahren, Information einerseits zu reduzieren und andererseits zu verdichten. Gemeinhin soll der Kern, das Wesentliche, das sich als Datum in Datenmaterial befindet (oder befinden soll) und für die Beantwortung einer Forschungsfrage notwendig ist, herausgearbeitet werden.

Also braucht man zunächst eine Forschungsfrage.

Das macht Sinn und gibt der Forschung eine Richtung. Wer sich für die Mechanismen der Beilegung von Streit in Beziehungen interessiert, der muss keine Befragung in einem Unternehmen durchführen.

Die Forschungsfrage strukturiert das Datenmaterial in gewisser Weise, aber nur oberflächlich. Sie dient im Rahmenwerk von Mayring der Bestimmung der Analyseeinheit. Dieser Bestimmung folgt die eigentliche Strukturierung des Materials, die Mayring in vier Typen unterscheidet:

  • „Eine formale Strukturierung will die innere Struktur des Materials nach bestimmten formalen Strukturierungsgesichtspunkten herausfiltern.
  • Eine inhaltliche Strukturierung will Material zu bestimmten Themen, zu bestimmten Inhaltsbereichen extrahieren und zusammenfassen.
  • Eine typisierende Strukturierung will auf einer Typologisierungsdimension einzelne markante Ausprägungen im Material finden und diese genauer beschreiben.
  • Eine skalierende Strukturierung will zu einzelnen Dimensionen Ausprägungen in Form von Skalenpunkten definieren und das Material daraufhin einschätzen.“

In jedem Fall dient eine Strukturierung dazu, ein Kriterium oder mehrere Kriterien an das Material heranzutragen und Letzteres auf diese Weise zu „strukturieren“. Im Falle der formalen Strukturierung erfolgt dies z.B. mit Hilfe der folgenden Kriterien:

  • „Ein syntaktisches Kriterium: Die Struktur der sprachlichen Formulierungen im Material soll untersucht werden, Besonderheiten im Satzbau, Abweichungen, Brüche o.ä. sollen herausgefunden werden.
  • Ein thematisches Kriterium: Die inhaltliche Struktur, die Abfolge thematischer Blöcke, die inhaltliche Gliederung des Materials soll herausgearbeitet werden.
  • Ein semantisches Kriterium: Die Beziehung von einzelnen Bedeutungseinheiten untereinander soll rekonstruiert werden.
  • Ein dialogisches Kriterium: Die Abfolge einzelner Gesprächsbeiträge und Gesprächsschritte soll analysiert werden.“

(Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse, S.85).

Qualitative Inhaltsanalyse

Der Begriff der qualitativen Inhaltsanalyse wird von vielen gebraucht um im Allgemeinen eine Methode der Datenanalyse zu bezeichnen, von der die meisten phixDaumen zu wissen meinen, was ihr Gegenstand ist und welche Ziele mit ihr verfolgt werden. Doch bereits die Nachfrage, was man unter einer „Inhaltsanalyse“ zu verstehen hat, bringt die meisten ins Schleudern oder doch zumindest eine Vielzahl vollkommen unterschiedlicher Beschreibungen dessen, was man für eine Inhaltsanalyse hält.

Philipp Mayring hat sich die Mühe gemacht, aus der Vielzahl der Definitionen, die es zu „Inhaltsanalyse“ gibt, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Herausgekomme sind dabei sechs Punkte, die die Inhaltsanalyse nach Ansicht von Mayring bestimmen bzw. Letztere umfassen muss:

  1. „Inhaltsanalyse hat Kommunikation zum Gegenstand, also die Übertragung von Symbolen (…). In aller Regel handelt es sich zwar um Sprache, aber auch Musik, Bilder u.ä. können zum Gegenstand gemacht werden. […]
  2. Die Inhaltsanalyse arbeitet mit Texten, Bildern, Noten, mit symbolischem Material also. Das heißt, die Kommunikation liegt in irgendeiner art protokolliert, festgehalten vor. Gegenstand der Analyse ist somit fixierte Kommunikation.
  3. Besonder heftig wehren sich Inhaltsanalytiker immer wieder gehen freie Interpretation, gegen impressionistische Ausdeutung des zu analysierenden Materials. Inhaltsanalyse will systematisch vorgehen. Damit grenzt sie sich gegen einen Großteil hermeneutischer Verfahren ab.
  4. Das systematische Vorgehen zeigt sich vor allem darin, dass die Analyse nach expliziten Regeln abläuft (zumindest ablaufen soll). Diese Regelgeleitetheit ermöglicht es, dass auch andere die Analyse verstehen, nachvollziehen und überprüfen können. Es dadurch kann Inhaltsanalyse sozialwissenschaftlichen Methodenstandards (intersubjektive Nachprüfbarkeit) genügen.
  5. Das systematische Vorgehen zeigt sich aber auch darin, dass eine gute Inhaltsanalyse theoriegeleitet vorgeht. Sie will nicht einfach einen Text referieren, sondern analysiert ihr Material unter einer theoretisch ausgewiesenen Fragestellung; die Ergebnisse werden vom jeweiligen Theoriehintergrund her interpretiert und auch die einzelnen Analyseschritte sind von theoretischen Überlegungen geleitet. Theoriegeleitetheit bedeutet dabei nicht Abheben von konkretem Material in Sphären der Unverständlichkeit, sondern heißt Anknüpfen an die Erfahrungen anderer mit dem zu untersuchenden Gegenstand.
  6. Im letzten Punkt wurde bereits angedeutet, dass Inhaltsanalyse ihr Material nicht ausschließlich für sich analysieren will (wie z.B. die Textanalyse), sondern als Teil des Kommunikationsprozesses. Sie ist eine schlußfolgernde Methode, darauf haben vor allem amerikanische Kommunikationswissenschaftler hingewiesen (…). Sie will durch Aussagen über das zu analysierende Material Rückschlüsse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation ziehen. Aussagen über den „Sender“ (z.B. dessen Absichten), über Wirkungen beim ‚Empfänger“ o.ä. ableiten“ (Mayring 2006: 12)

 

Schauspielen am Arbeitsplatz [Wirtschaftspsychologie]

Free Trait Acting, so nennen Brian Little und Sanna Balsari-Palsude es, wenn Personen, die eigentlich introvertiert sind, sich extrovertiert verhalten bzw. wenn Extrovertierte sich introvertiert verhalten, wenn Menschen sich in einer Weise verhalten, wie beide sagen, die ihrem Charakter nicht entspricht, wenn sie jemanden spielen, der sie nicht sind.

Goffman TheaterDie Prämissen der entsprechenden Forschung sind offenkundig: Wir haben Charaktermerkmale, die uns ausmachen, die uns eigen sind, die wir nicht verändern können, die uns, wenn man so will, festschreiben. Entsprechend denken Little und Balsari-Palsude, dass man feststellen kann, wann jemand sich anders verhält als er eigentlich ist, wann er schauspielt, schlecht schauspielt möchte man ergänzen.

Besonders Balsari-Palsude sagt von sich, “I loved the idea that acting is not something restricted to the stage, that we are so often faced with the need to perform in daily life”. Diese Idee ist nun alles andere als neu. Erving Goffman hatte sich schon vor Jahrzehnten (1959) und unter dem Titel “The Presentation of Self in Everyday Life” (“Wir alle spielen Theater” in der deutschen Übersetzung) veröffentlicht.

Die Idee damals wie heute: Situationen, denen man sich im täglichen Leben gegenübersieht, können eine Anpassung verlangen. So ist es eher wenig förderlich, wenn der neue Mitarbeiter, weil er extrovertiert ist, sich über vorhandene Hierarchien hinweg setzt, um seine Meinung durchzusetzen, ein Ergebnis, das Balsari-Palsude in ihrer Forschung und wenig überraschend findet. Ebenso wird ein introvertierter Chef, seine charakterliche Disposition der Zurückhaltung hinter sich lassen müssen und den extrovertierten und Anweisungen gebenden Führer spielen, wenn es die Situation erfordert.

Dass dem so ist, stellt die biologische Disposition, die Little und Balsari-Palsude annehmen, in Frage, denn: Wenn ein vermeintlich Introvertierter sich extrovertiert verhalten kann, ist es dann nicht sinnvoller anzunehmen, dass das Verhalten sozial und nicht biologisch induziert ist?