Politikwissenschaft: Autoritärer Charakter

Die Autoritäre Persönlichkeit, die Adorno, Levinson, Sanford und Frenkel-Brunswick im Jahre 1950 veröffentlicht haben, ist zu einem klassiker der empirischen Sozialforschung geworden, auf den immer gerne Bezug genommen und aus dem immer gerne zitiert wird, in der Regel mit Bezug auf die F-Skala, die zur Messung von Faschismus entwickelt wurde. Dass die F-Skala sich aus einer Reihe von Teilskalen zusammensetzt, weiß kaum mehr jemand. Dass eine dieser Teilskalen „Konventionalismus“ misst, noch viel weniger.

Anfälligkeit für den Faschismus ist nach einer bekannten Hypothese charakteristisch für den Mittelstand und ‚liegt in der Kultur‘; die am stärksten Angepassten hegen demzufolge die meisten Vorurteile. Um Material für diese Hypothese zu sammeln, wurden Skalensätze aufgenommen, welche sich auf die Bindung an konventionelle Normen bezogen. Die ersten Ergebnisse machten jedoch deutlich, dass dies nicht so einfach war. Die Korrelation zwischen konventionellen Wertvorstellungen und dem Vorurteil schien positiv, aber nicht sehr hoch; während unkonventionelle Personen gewöhnlich unvoreingenommen waren, gab es unter den Konventionellen Voreingenommene und Unvoreingenommene. Den Unterschied in der Gruppe der Konventionellen schien der Ursprung des Konventionalismus oder vielmehr die Charakterstruktur im ganzen auszumachen, in der er eine funktionale Rolle spielte. Wenn die Unterwerfung unter konventionelle Werte Ausdruck eines voll ausgebildeten Gewissens war, musste nicht zwangsläufig eine Verbindung zwischen diesen Wertvorstellungen und antidemokratischem Potential bestehen. Die gleichen Verhaltensnormen, die das Individuum leicht empören, weil es in ihnen die niedrige Moral nichtassimilierter Minderheiten oder der ‚unteren Klassen‘ sieht, würden – wären sie hinreichend internalisiert – seinen Widerspruch gegen Gewalt und Verbrechen hervorrufen, die den Faschismus im fortgeschrittenen Stadium kennzeichnen. Wo andererseits gesellschaftlicher Druck an konventionellen Normen festhalten lässt, wo der Konventionalismus auf dem Beharren des Individuums an den Normen der Kollektivmacht beruht, mit der es sich im Augenblick identifiziert, ist auf antidemokratische Empfänglichkeit zu schließen. Nur im letzteren Fall sprechen wir von Konventionalismus und unterscheiden ihn von der bloßen Anerkennung herkömmlicher Werte. Das konventionalistische Individuum vermag guten Gewissens dem Diktat äußerer Mächte zu folgen, wo immer sie es hinführen, und wäre – wie der Konvertit, der vom offiziellen Kommunismus zum Katholizismus überwechselt – auch fähig, seinen moralischen Kodex gegen einen ganz anderen auszutauschen“ (Sanford et al., Studien zum autoritären Charakter, S.47-48)

Theoriebildung in den Sozialwissenschaften

Die Fragen danach, was eine Theorie darstellt, welche Belege notwendig sind, um die eigene Theorie zu stützen, ob überhaupt Belege notwendig sind, spalten die Sozialwissenschaften in den letzten Jahren immer stärker. Während die einen argumentieren, dass man kaum eine Allgemeingültigkeit für etwas reklamieren könne, was einer empirischen Prüfung und somit einem Nachvollzug durch die wissenschaftliche Gemeinschaft nicht zugänglich sei, verteidigen die anderen ihre Ansicht, dass man durch lange Beschäftigung mit Text und Thema, tiefere Einsichten gewinnen kann, die wiederum nur dem nachvollziehbar sind, der sich ebenso lange und tief mit einem Text / einem Thema auseinandersetzt.

In einem alten Buch zur Methodik der Politikwissenschaft bemühen sich Ulrich von Alemann und Erhard Frondran darum, die Landschaft der Theorienbildung zu fassen. Wir haben den sehr nützlichen Versuch hier zusammengefasst:

Die drei Schulen der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung:

  • (I) Normativ-ontologische Theorieansätze
  • (II) Analytische Theorieansätze
  • (III) Dialektische Theorieansätze

Erkenntnisziel:

  • (I) ‚wesentliche Aussagen‘, praktischer Rat
  • (II) Gesetze
  • (III) Historische Gesetze, Gesellschaftskritik

Erkenntnisinteresse:

  • (I) praktisch-philosophisch
  • (II) empirisch
  • (III) emanzipatorisch

Erkenntnisgegenstand

  • (I) Sinn und Wesen von Staat und Gesellschaft
  • (II) Soziale Handlungen
  • (III) Gesellschaftliche Totalität

Logischer Status

  • (I) argumentativ / phänomenologische Begründung
  • (II) Aussagenlogik
  • (III) jede Art logischer Begründung

Normativer Status

  • (I) Einschluss von ontologisch begründeten Werten
  • (II) Ausschluss von Werten
  • (III) Einschluss von historisch begründeten Werten

Tätigkeit des Wissenschaftlers

  • (I) Wissenschaftliches Nach- und Vordenken
  • (II) Beschreiben, erklären, prognostizieren
  • (III) Kritisch konfrontieren und politisch wirken

Analysearten

  • (I) Historisch-genetische, institutionelle und ideengeschichtliche Analyse
  • (II) Strukturell-funktionale und empirische Analyse
  • (III) Historisch-genetische und empirische Analyse

Verarbeitungsmuster

  • (I) Hermeneutik, Phänomenologie, Topik
  • (II) Logischer Empirismus
  • (III) Hermeneutik, Dialektik

Verfahrenstechniken

  • Historisch-philosophische Argumentation, Quellen- und Textkritik
  • Methoden der empirischen Sozialforschung
  • Historisch-ökonomische und ideologiekritische Analyse

Alemann, Ulrich von & Forndran, Erhard (1985). Methodik der Politikwissenschaft. Eine Einführung in Arbeitstechnik und Forschungspraxis. Stuttgart: Kohlhammer.

Empirische Sozialforschung: Quantitative Befragung

Man glaubt es kaum, aber es gibt eine Methodologie der Befragung. Schon 1975 hat Kurt Holm eine Publikation mit dem Titel „Die Befragung“ herausgegeben. Darin wird u.a. analysiert und argumentiert, wie man im Rahmen einer quantitativen Befragung korrekt Fragen formuliert, ohne den Befragten die Antwort in den Mund zu legen und ohne die Menge der Antwortalternativen so zu bestimmen, dass auch herauskommt, was vielleicht herauskommen soll.

Nicht nur die Form der Frage und die Menge der Antwortalternativen auch die Frage des Skalenniveaus von Fragen, ob nominal, ordinal oder metrisch, sie wurde schon vor Jahren diskutiert. Die Likert-Skala, die ordinale Daten erhebt und dennoch und meistens metrisch interpretiert wird, sie ist ein Ergebnis dieser Diskussionen.

Und heute hat man den Eindruck, die Diskussionen, sie sind Schnee von gestern, komplett und vollständig vergessen, denn: Jeder denkt, er kann eine Befragung durchführen, Fragen stellen und aussagekräftige Antworten erhalten. Deshalb finden sich Mengen von Befragungen, die Items enthalten, in denen mehrere Stimuli erfragt werden, so dass man letztlich nicht weiß, auf was die Befragten nun geantwortet haben, und es ist deshalb, dass viele Befrager Ergebnisse durch die Art der Fragen, bewusst oder unbewusst determinieren.

Lassen Sie es in ihrer Arbeit nicht so weit kommen.

Wir sind Profis in allen Fragen der quantitativen Befragung. Wir konzipieren ihre Befragung, formulieren die Fragen so, dass sie aussagekräftige und vor allem valide Ergebnisse produzieren. Wir erstellen z.B. Online-Befragungen, so dass Sie sich um kaum etwas selbst kümmern müssen und, wenn Sie wollen, dann werten wir die Befragungen auch für sie aus, mit allen Mittel der statistischen Datenanalyse, wie sie z.B. SPSS bereitstellt.

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Ökonomie: Meritokratie

Fairness, Gerechtigkeit, Meritokratie, die drei Konzepte sind miteinander verwandt oder doch zumindest mit einander verbunden. Fairness bezieht sich auf die Art der Behandlung von Akteuren, Gerechtigkeit darauf, dass die Relation der Behandlung die unterschiedliche Leistung in Rechnung stellt und Meritokratie scheint eine Klammer über beide zu bilden. Amartya Sen hat dies im Jahre 2000 wie folgt argumentiert:

„In fact, meritocracy is just an extension of a general system of rewarding merit, and elements of such systems have clearly been present in one form or another throughout human history. There are, it can be argued, at least two different ways of seeing merit and systems of rewarding it.

  1. Incentives: Actions must be rewarded for the good they do, and a system of remunerating the activities that generate good consequences would, it is presumed, tend to produce a better society. The rationale of incentive structures may be more complex than this simple statement suggests, but the idea of merits in this instrumental perspective relates to the motivation of producing better results. In this view, actions are meritorious in a derivative and contingent way. depending on the good they do, and more particularly the good than can be be brought about by rewarding them.
  2. Action propriety: Actions may be judged by their propriety – not by their results – and they may be rewarded according to the quality of such actions, judged in a result-independent way. Much use has been made of this approach to merit and parts of deontological ethics separate outright conduct – for praise and emulation – independent of the goodness of the consequences generated.

[…] I shall concentrate in the chapter on the view of merit in terms of results and incentives. It is, in fact, virtually the only grounded and defended theory that can be found in the contemporary economic literature (…). Indeed, the practice of rewarding good (or right) deeds for their incentive effects cannot but be an integral part of any well-functioning society. No matter what we think of the demands of ‚meritocracy‘ as it is usually defined, we can scarcely dispense with incentive systems altogether. The art of developing an incentive system lies in delineating the content of merit in such a way that it helps to generate valued consequences“ (Sen, Merit and Justice, pp.8-9)

Schauspielen am Arbeitsplatz [Wirtschaftspsychologie]

Free Trait Acting, so nennen Brian Little und Sanna Balsari-Palsude es, wenn Personen, die eigentlich introvertiert sind, sich extrovertiert verhalten bzw. wenn Extrovertierte sich introvertiert verhalten, wenn Menschen sich in einer Weise verhalten, wie beide sagen, die ihrem Charakter nicht entspricht, wenn sie jemanden spielen, der sie nicht sind.

Goffman TheaterDie Prämissen der entsprechenden Forschung sind offenkundig: Wir haben Charaktermerkmale, die uns ausmachen, die uns eigen sind, die wir nicht verändern können, die uns, wenn man so will, festschreiben. Entsprechend denken Little und Balsari-Palsude, dass man feststellen kann, wann jemand sich anders verhält als er eigentlich ist, wann er schauspielt, schlecht schauspielt möchte man ergänzen.

Besonders Balsari-Palsude sagt von sich, “I loved the idea that acting is not something restricted to the stage, that we are so often faced with the need to perform in daily life”. Diese Idee ist nun alles andere als neu. Erving Goffman hatte sich schon vor Jahrzehnten (1959) und unter dem Titel “The Presentation of Self in Everyday Life” (“Wir alle spielen Theater” in der deutschen Übersetzung) veröffentlicht.

Die Idee damals wie heute: Situationen, denen man sich im täglichen Leben gegenübersieht, können eine Anpassung verlangen. So ist es eher wenig förderlich, wenn der neue Mitarbeiter, weil er extrovertiert ist, sich über vorhandene Hierarchien hinweg setzt, um seine Meinung durchzusetzen, ein Ergebnis, das Balsari-Palsude in ihrer Forschung und wenig überraschend findet. Ebenso wird ein introvertierter Chef, seine charakterliche Disposition der Zurückhaltung hinter sich lassen müssen und den extrovertierten und Anweisungen gebenden Führer spielen, wenn es die Situation erfordert.

Dass dem so ist, stellt die biologische Disposition, die Little und Balsari-Palsude annehmen, in Frage, denn: Wenn ein vermeintlich Introvertierter sich extrovertiert verhalten kann, ist es dann nicht sinnvoller anzunehmen, dass das Verhalten sozial und nicht biologisch induziert ist?

Zeitgeschichte: Gesetzgebung 1917

„Von entscheidender Bedeutung für die staatliche Machtfülle – die Souveränität – ist überall die Gesetzgebung und ihre Form. Für das Deutsche Reich besteht diese Form darin, dass der übereinstimmende Wille zweier voneinander unabhängiger Körperschaften – des Bundesrats und des Reichstags – erforderlich und ausreichend ist, um ein Gesetz zu schaffen, und dass es durch seine Verkündung rechtskräftig wird; die Verkündung geschieht durch den Deutschen Kaiser, der diesen monarchischen Namen trägt als König von Preußen, weil mit der Krone Preußens das erbliche Präsidium des Bundesstaates „Deutsches Reich“ verbunden ist. Gesetzgebender Faktor ist der Kaiser im Reiche nicht, denn seine Zustimmung wird nicht erfordert. Nur mittelbar besitzt er Macht über die Reichsgesetzgebung, indem ihm 1. als Kaiser die Berufung und Schließung des Bundesrats und des Reichstags zusteht und für die Auflösung des Reichstags seine Zustimmung erforderlich ist; indem er 2. als König von Preußen das Haupt der preußischen Regierung ist, di egleich jeder anderen Einzelstaatsregierung ihre Vertreter, und zwar von sämtlichen 61 Vertretern 17, in den Bundesrat entsendet und deren Abstimmung anweist [instruiert], wobei ferner die preußischen Stimmen in einige (militärischen und finanziellen) Angelegenheiten entscheidend wirken, wenn sie für Erhaltung der bestehenden Einrichtungen sich geltend machen. In England – wir nennen im folgenden immer, wie üblich, das Vereinigte Königreich mit diesem Namen, es sei denn, dass von England im Unterschiede von den anderen Teilen die Rede sei – ist der zu Recht bestehenden Form nach noch immer der König Träger der Souveränität, selber der Sovereign, aber nur indem er zusammensteht und zusammenwirkt mit beiden Häusern des Parlaments – the King in Parliament -, also mit dem Hause der Lords und dem Hause der Gemeinen, kann er gesetzgebend auftreten. Noch heute, wie ehedem, wird ein Gesetzentwurf – eine Bill – in der Regel dadurch Gesetz – eine Akte -, dass er, vom Unterhause durch drei Lesungen beschlossen, vom Oberhaus ebenso angenommen, die köngliche Einwilligung erhällt (the royal assent): dann wird das Gesetz ins Gesetzbucg  – the Statute Book – eingetragen. Indessen ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass der König seine Zustimmung zu verweigern niemals in der Lage ist, daß ihm nur noch zum Schein diese Freiheit beiwognt, denn erkann nicht politisch handeln ohne den ‚Rat‘ seiner Minister, deren Wahl wiederum nur scheinbar in seiner Hand liegt; und der Rat ist für ihn so gut als Befehl. Im Hause der Gemeinen ist der Sitz der Macht. Nur das ‚andere Haus‘ kommt neben ihm in Frage. Es kann den Willen des Hauses der Gemeinen hemmen, dessen Ausführung verzögern, aber auch das nur, wenn es sich um Gesetzentwürfe handelt, mit denen keine Geldbewilligung verbunden ist; wenn dies der Fall – ist es eine money bill – so ist das Oberhaus rechtlich nicht mehr imstande, dem Beschluss des Unterhauses entgegenzuwirken. Die Bill bedarf nur der königlichen Einwilligung – die als selbstverständlich erfolgend gilt -, um Gesetz zu werden. Andere Gesetzentwürfe sind ebenso der Zustimmung des Oberhauses überhoben, wenn diese in drei aufeinanderfolgenden Sessionen (ob desselben Parlaments oder nicht) verweigert worden ist, nachdem das Unterhaus sie ebensooft beschlossen hatte: vorausgesetzt, dass zwei Jahre verflossen sind zwischen der zweiten lesung in der ersten und der dritten Lesung in der dritten Session, und dass der Entwurf wenigstens einen Monat vor dem Schlusse der Session dem Oberhaus vorgelegt worden war“. (Tönnies 1917: 3-4) Die Veränderungen, die der Gang der Gesetzgebung in Deutschland erfahren hat, sind, wie die Darstellung zeigt, umfangreicher als die, die im Vereinigten Königreich gegeben sind.