Empirische Sozialforschung: Befragungsdramaturgie

Kurt Holm gehört zu den Sozialforschern, die sich um die empirische Sozialforschung in besonderer Weise verdient gemacht haben. Viel Wissen um Methode und Durchführung, um Probleme und Hindernisse im Verlauf einer Befragung, wurde von Holm erarbeitet und publiziert. Der Korpus der Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung, der daraus entstanden ist, ist so umfangreich, dass man sich wundern muss, wie wenig er heute bekannt zu sein scheint.

Dies gilt z.B. für die Dramarturgie eines Fragebogens, also dessen Aufgbau, der Vorgehensweise der Befragung. Bei vielen Umfragen, die wir in letzter Zeit gesehen haben, stellt sich die Frage, ob die Urheber überhaupt jemals etwas von der “Dramarturgie des Fragebogens” gehört haben.

Wenn nicht, wir zitieren:

“Grundvoraussetzung eines guten Fragebogens ist, dass er den Eindruck einer echten Gesprächssituation erzeugt, die der Befragte interessant findet. Die in lockerer und zwangloser Konversationsform gestellten Fragen sollten möglichst wenig erkennen lassen, dass der Interviewer in Wirklichkeit an feste Frageformulierungen gebunden ist und lediglich die Funktion sachlicht-nüchternen Registrierens ausübt: er kreist hinter den entsprechenden Antwortkategorien Code-Symbole ein, oder notiert, – falls dies vom Institut gewünscht wird – die Antworten in vollem Wortlaut.

Unter keinen Umständen sollte der Interviewer vom Fragetext abweichen, Erklärungen geben, oder sonstwie Einfluss nehmen. Die Vergleichbarkeit der Ergebnisse ist nur dann gewährleistet, wenn die Interviews unter den möglichst gleichen Bedingungen durchgeführt wurden. Das bedeutet: der Fragebogen muss frei sein von Unklarheiten; der Interviewer muss in jeder Einzelphase des demoskopischen Gesprächs genau wissen, was er zu sagen und zu tun hat.

In jedem Fall muss bei der Fragebogenkonstruktion ständig Bedacht auf die spätere Gesprächssitutation genommen werden, in der sich Interviewer und Befragter befinden. Die Unterhaltung soll sich für beide Seiten möglichst mühelos und frei von Peinlichkeiten vollziehen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Fragebogen geschickt aufgebaut ist und bestimmt dramaturgische Gesetze berücksichtigt. Das erste – und vielleicht wichtigste – Gesetz demoskopischer Dramaturgie bestimmt, dass möglichst bald ein Vertrauensklima zwischen Befrager und Befragten entstehen muss. Ein solches Vertrauensklima wird mit Hilfe von Einleitungsfragen erzeugt, die man im Fachjargon auch ‘Auftakt- oder Einsbrecherfragen’ nennt.

[…]

Wichtig ist vor allem, dass die Einleitungsfragen Probleme ansprechen, die den Befragten unmittelbar interessieren, dass sie leicht zu beantworten sind und dass sie die Auskunftsperson von der Fehlvorstellung befreien, einer Prüfungssituation zu unterliegen.

[…]

Ziel der Einleitungsfragen ist es also, ein mögliches Misstrauen gegen das Interview abzubauen und die Antwortbereitschaft für die eigentlichen Befragungsthemen zu erhöhen.

[…]

Ganz allgemein erfordert die Dramaturgie eines guten Fragebogens einen ständigen Wechsel von Spannungen und Entspannungen, von ‘schweren’ und ‘leichten’ Fragen, nicht zuletzt aber auch einen genügend großen Wechsel von Themen.

Der Eindruck der Vielfalt und Kurzwei, der einen gelungenen Fragebogen auszeichnet, kann noch verstärkt werden durch einen Wechsel von Fragetechniken, wie Bildblättern und Kartenspielen. …”

(von Kirschhofer-Bozenhardt, Andreas & Kaplitzka, Gabriele, 1975: Der Fragebogen. In: Holm, Kurt (Hrsg.). Die Befragung I. Tübingen: A. Francke, S.93-95.)