Sozialwissenschaften: Prognosefähigkeit

Innerhalb der Sozialwissenschaften gibt es einen Zweig, den man als Gesellschaftswissenschaft oder Gesellschaftsbeschreibung bezeichnen kann. Ziel dieses Zweiges ist es, eine Theorie der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Wandels zu erstellen. Die Mittel, die dazu genutzt werden, sind beschreibend. Es werden keine Daten im herkömmlichen Sinne gesammelt. Vielmehr beschreiben die Autoren auf der Grundlage ihrer Beobachtungen, Zustand und Entwicklung von Gesellschaften. Der bekannteste Vertreter dieser Schule sind die Modernisierungstheorien, die in Deutschland vor allem von Ulrich Beck vorangetrieben wurden. Wir zitieren aus seinem Buch “Die Erfindung des Politischen” eine Vorhersage zur Entwicklung des Parteiensystems:

“Die politischen Großparteien in den westlichen Demokratien – lange Zeit Markenartikel einer gelungenen Bündelung – sind in den letzten Jahren dramatisch in Verruf geraten. Die Zeichen stehen auf Sturm: Die Partei der Nichtwähler ist in allen ‘Partizipationsdemokratien’ die einzige Partei, die solide Zuwächse verzeichnen kann. Auf den Fersen folgen ihr rechte oder sogar rechtsradikale Parteien, die mehr oder weniger offen mit Fremdenhass und -hatz auf Stimmenfang gehen. Zwischen den etablierten Konkurrenzparteien funktioniert das Nullsummenspiel der Macht nicht mer: Rückgänge der Regierungsparteien schlagen sich nicht mehr in Stimmenzuwächsen der Opposition nieder. Wir haben es vielmehr in fast allen Vorbild-Demokratien mit Doppelkrisen zu tun: Die Regierungen und die um ihre Ablösung buhlende Opposition mussten Stimmenverluste hinnehmen, kränkeln und kriseln.

Kalküle der Schwäche beginnen sich einzuspielen. Man achtet nicht mehr darauf, den Konkurrenten mit Leistungen zu überholen und zu übertreffen, sondern das Ausmaß der Krisen und Skandale unter dem Pegel des Versagens und Vertrauensentzuges zu halten, das den Gegenspieler beutelt. Wahlen werden gewonnen nicht durch Zustimmungsmehrheit, also daduch, dass eine Partei die besseren Kandidaten und Programme vorstellt, sondern dadurch, dass sie das Nichtwähler-Potential durch das Ausmaß ihrer Skandale und ihres Versagens weniger erhöht als die Konkurrenzpartei.

Über die Gründe dieser Entwicklung zeichnet sich Konsens ab: Die Stabilität der Parteien beruhte u.a. auf ihrer Zuordnung zu relativ klar gegeneinander abgegrenzten und für die Parteien berechenbaren sozial-moralischen Milieus, in der Bundesrepublik etwa ein sozialdemokratisches – das klassische Arbeiter- und Gewerkschaftsmilieu – und ein katholisches, mit dem die Unionsparteien rechnen konnten. Unter diesen Bedingungen war es möglich, wie es so schön heißt, einen Besenstil mit einem Hut aufzustellen, und er wurde gewählt. Anders gesagt: Die Großparteien mussten den Konsens nicht schaffen, sie konnten ihn abrufen, jedenfalls in den elementaren Grundfragen der kleinen und großen Politik. Das begünstigte nicht nur den Weg in die Parteienoligarchie, die jetzt allgemein beklagt wird. Es erlaubte auch klare Kontrastierung von Programmen und Kandidaten nach dem stereotypen Links-Rechts-Schema, bei dem alle, gleichsam auf Voranmeldung wussten, wie sie zu votieren hatten. Mit anderen Worten: es war eine Ordnung des entweder-oder, die nun durch das uns auf- und abgelöst wird. Im Äußeren drohte der eine Gesamtfeind und ideologische Erzrivale, der zugleich im Inneren die Gegensätze stabilisierte. Es war in diesem Sinne falsch, die Dynamik der alten Bundesrepublik losgelöst von der DDR zu begreifen und umgekehrt. Diese zwei deutschen Teilstaaten bildeten von Anfang an einen ‘Geburtsgegensatz’, eine Art negativer Einheit, nämlich eine Einheit, in der das innenpolitische Oppositionsschema ‘Rechts-Links’ im Horizont der militärischen Ost-West-Konfrontation behauptet und organisiert werden konnte; Sie verkörperten die gegenstaatliche Opposition füreinander. Die DDR war nicht nur staatlich, sondern auch ‘innenpolitisch’ die Anti-BRD, ebenso die BRD die Gegen-DDR, was die politische Auseinandersetzung hier wie dort bestimmte und polarisierte. Auch in diesem Sinne – und nicht nur durch Sprache, Kultur und gemeinsame Geschichte – war die Spaltung immer irreal”.

Beck, Ulrich, 1993. Die Erfindung des Politischen. S.219-220