Ethnographische Forschung im öffentlichen Sektor

Die Ethnographie ist eine Art der Forschung und der Darstellung von Forschungsergebnissen, die in der Ethnologie bzw. Kulturanthropologie entwickelt wurde, um Aufschluss über „the native’s point of view“, d.h. die Anschauungen der Beforschten in fremden Kulturen und ihre Formen der Sinnstiftung, zu gewinnen, wie es der „Vater“ der Ethnographie, Bronislaw Malinowski, im Jahr 1922 (S. 25) formuliert hat. Aber schon in den 1920er- und 1930er-Jahren wurde die ethnographische Methode in den USA für die Forschung über einheimische Organisationen und speziell Betriebe fruchtbar gemacht. Die frühesten und berühmtesten Studien, in der die ethnographische Methode zur Erforschung der Abläufe in einem einheimischen Unternehmen verwendet wurde, sind die Hawthorne-Studien aus den 1920er- und 1930er-Jahren (Roethlisberger & Dickinson 1939). Unter der Leitung des Ethnologen W. Lloyd Warner und des Psychologen Elton Mayo wurden diese Studien in den Hawthorne-Werken durchgeführt, um festzustellen, wie die Umweltbedingungen am Arbeitsplatz die Produktivität von Produktionsarbeitern beeinflussen. Seitdem ist die ethnographische Methode in der Organisationsforschung über den privaten Sektor, u.a. zur Erforschung von Arbeitsabläufen, Unternehmenskulturen oder die Kommunikation in Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

Dagegen wurde die ethnographische Methode zur Erforschung der Abläufe in Organisationen des öffentlichen Sektors über Jahrzehnte vergleichsweise selten verwendet und wenn, dann meist in Schulen oder in Einrichtungen des Gesundheitswesens, aber kaum in öffentlichen Verwaltungen bzw. Ämtern oder Behörden. Darüber hinaus gibt es eine Ethnographie des öffentlichen Sektors bislang vor allem in den USA. Unter den europäischen Ländern haben das Vereinigte Königreich/Großbritannien und Dänemark eine nennenswerte Tradition ethnographischer Forschung im öffentlichen Sektor.

Das kann mehrere Gründe haben. So ist es möglich, dass in Einrichtungen des öffentlichen Sektors quantitative Methoden wie Statistiken und standardisierte Befragungen der ethnographische Methode aufgrund von Vorstellungen über die Zuverlässigkeit der gewonnenen Daten vorgezogen werden. Es ist aber auch möglich, dass sich Einrichtungen des öffentlichen Sektors davor scheuen, Forschern den intimen Zugang zur Einrichtung und den darin Beschäftigten sowie ggf. ihrer Klientel zu gewähren, den die Verwendung der ethnographischen Methode erfordert. Dementsprechend haben Morrill et al. im Jahr 1999 festgehalten:

„Nowhere is gatekeeping more crucial than in formal organizations, because key personnel can legitimately grant or withhold permission for access … In contemporary organizational society …, field sites increasingly exist within formal organizations. Managing organizational gatekeeping, therefore, will assume greater importance for field workers than ever before. Despite the growing importance of organizational gatekeeping, ethnographers rarely consider it in the explicit context of organizational analysis.”

Fast zehn Jahre später gibt es immer noch nur wenige Autoren, die sich mit der Frage der „gatekeeper“ oder allgemein mit der Frage nach den Barrieren, die den Zugang zu Einrichtungen des öffentlichen Sektors für Forscher ver- oder behindern, beschäftigen. Für Japan hat Amagasa (2010) Überlegungen darüber angestellt, welche Barrieren der Verwendung ethnographischer Methoden in der lokalen Verwaltungen gegenüberstehen. Ein Ergebnis, das zweifellos auf öffentliche Verwaltungen in westlichen Staaten übertragen werden kann, ist, dass:

“As noted above, a key finding of this study was that the position of an ethnographer working in
the Japanese public sector is affected by a complicated power balance and dynamism among actors.
Local authorities (provider 2) and professional citizens (provider 3), who have carried out pubic
services in Japan until now, are assumed to be “experts” in their respective areas—no other actors are
expected to have any further knowledge on that specific area of the district in question

… the position of an ethnographer working in the Japanese public sector is affected by a complicated power balance and dynamism among actors. Local authorities … and professional citizens …, who have carried out public services in Japan until now, are assumed to be ‘experts’ in their respective areas – no other actors are expected to have any further knowledge on that specific area of the district in question” (Amagasa 2010: S. 279).

Weiter schreibt Amagasa (2010: S. 280):

“For local associations, ethnographers aiming to obtain deep understanding of their domain are newcomers that threaten their expertise and prior status. For people who have built their status upon the system, ethnographers are unwelcome”.

Insofern z.B. Amtsleiter sich als Experten in ihrem Bereich (für ihre Region oder allgemein) verstehen und ihre „Expertise“ eine wichtige Ressource bei der Verteilung von Mitteln zwischen Ämtern darstellt, darf auch dieser Befund von Amagasa mit Bezug auf „local associations“ – bis auf Weiteres – auf europäische bzw. hier: deutsche Verhältnisse übertragen werden.

Für die westlichen Staaten ist das bislang vielleicht wichtigste einschlägige Werk der Sammelband über „Observing Government Elites: Up Close and Personal“, der im Jahr 2007 von Rhodes, t’Hart und Noordegraaf herausgegeben wurde. Obwohl er überraschenderweise keine systematischen Überlegungen zur Frage des Zugangs und den Bedingungen des Zugangs zu den Beforschten enthält, werden diese Fragen in einigen der Beiträge des Sammelbandes angesprochen und manchmal in Verbindung mit Überlegungen dazu gebracht, wie die Art des Zugangs die Art und den Umfang der Informationen beeinflusst, die der Forscher bekommt. In dem Sammelband mit den Title „Organizing Innovation: New Approaches to Cultural Change and Intervention in Public Sector Organizations”, der von Veenswijk im Jahr 2005 herausgegeben wurde, findet sich dagegen kein Hinweis auf Fragen des Zugangs der Forscher zum Feld bzw. zum „gatekeeping“ in den beforschten öffentlichen Einrichtungen.

Es scheint daher so, dass derzeit weniger die Abläufe und Sinnstiftungen in öffentlichen Einrichtungen der Gegenstand ethnographischer Forschung sein können als vielmehr die Strukturen und Bedingungen des Zugangs zu öffentlichen Einrichtungen für Forscher. Ein Problem dabei ist, dass schon die Identifizierung von Gatekeepern in konkreten Einrichtungen ein Mindestmaß von Informationen über sie oder Zugang zu ihnen voraussetzt. So berichten Morrill et al. (1999: S. 58):

„Our search for gatekeepers began with the simple question, “Whose approval do we need to obtain in order to conduct our research in this organization?” As straight forward as this question seems, it stimulated increasingly complex and analytically interesting answers the further we navigated into each organization”.

Anders als man vielleicht vermuten würde, erhöht die Dezentralisierung von öffentlichen Verwaltungen die Zugangschancen nicht:
“Decentralized organizations present additional complications because gatekeepers must be identified and managed at every organizational level. In such organizations formal and everyday gatekeeping do not enjoy the consonance they do in centralized organizations” (Morrill et al. 1999: S. 67).

Fest steht, dass im Zuge der fortschreitenden Verschärfung von Datenschutzgesetzen u.a. anderen Schutzgesetzen viele neue Möglichkeiten für öffentliche Einrichtungen geschaffen werden, sich vom forschenden Blick abzuschotten, und dies ist weder im Interesse von Sozialforschern noch von Bürgern, die von und in öffentlichen Einrichtungen verwaltet werden.

Literatur:

Amagasa, Kunikazu, 2010: The Way to Design Ethnography for Public Service: Barriers and Approaches in Japanese Local Government. EPIC (Ethnographic Praxis in Industry Conference) 2010/1: 274-286.

Malinowski, Bronislaw, 1922: Argonauts of the Western Pacific: An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. London: Routledge & Kegan Paul.

Morrill, Calvin, Buller, David B., Buller, Mary Klein & Larkey, Linda L, 1999: Toward an Organizational Perspective on Identifying and Managing Formal Gatekeepers. Qualitative Sociology 22(1): 51-72.

von Rhodes, R.A.W., t’Hart, Paul & Noordegraaf, Mirko (Hrsg.), 2007: Observing Government Elites: Up Close and Personal. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Roethlisberger, Fritz J. & Dickinson, William, 1939: Management and the Worker: An Account of a Research Program Conducted by the Western Electic Company, Hawthorne Works, Chicago. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.

Veenswijk, Marcel (Hrsg.), 2005: Organizing Innovation: New Approaches to Cultural Change and Intervention in Public Sector Organizations. Amsterdam: IOS Press.