Soziologie: Jenseits von Klasse und Schicht

Während es heute fast Allgemeingut darstellt, zu behaupten, dass die soziale Ungleichheit über die letzten Jahrzehnte stetig gewachsen ist, war dies in den 1980er Jahren nicht so. Damals waren namhafte Autoren der Ansicht, dass soziale Ungleichheit zwar nicht geringer geworden ist oder nur wenig geringer geworden ist, dass sich das Niveau derer, die im Vergleich zu den Reichen, arm sind, aber deutlich gehoben habe. Der berühmte Fahrstuhleffekt der sozialen Ungleichheit, er wurde zuerst von Ulrich Beck formuliert, und zwar in Kapitell III seines Buches “Die Risikogesellschaft”.

“Wer heute die Gretchenfrage nach der Realität von Klassen und Schichten in der Bundesrepublik und anderen fortgeschrittenen Gesellschaften stellt, sieht sich mit einem scheinbar widersprüchlichen Sachverhalt konfrontiert: Auf der einen Seite weist die Struktur sozialer Ungleichheit in den entwickelten Ländern alle Attribute einer überraschenden Stabilität auf. Die Ergebnisse der einschlägigen Forschung lehren uns, dass durch alle technischen und wirtschaftlichen Umwälzungen, durch alle Reformbemühungen der letzten drei Jahrzehnte hindurch die Ungleichheitsrelationen zwischen den großen Gruppen unserer Gesellschaft sich nicht wesentlich verändert haben, von einzelnen Verschiebungen bis zu den siebziger Jahren und in den achtziger Jahren im Zuge der Massenarbeitslosigkeit einmal abgesehen.

Auf der anderen Seite haben sich in demselben Zeitraum Ungleichheitsfragen sozial entschärft. Selbst angesichts noch vor wenigen Jahren als traumatisch geltender Arbeitslosenzahlen weit über der Zwei-Millionen-Grenze ist der Protest bislang ausgeblieben. Ungleichheitsfragen haben zwar in den letzten Jahren wieder eine erhöhte Bedeutung gewonnen (Diskussion um ‘Neue Armut’) und tauchen in anderen Zusammenhängen und provokativen Varianten auf (Kampf um Frauenrechte, Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke, Ungleichheiten zwischen Generationen, regionale und religiöse Konflikte). Aber wenn man die öffentliche und politische Diskussion zum wesentlichen Gradmesser für die reale Entwicklung nimmt, dann drängt sich die Schlußfolgerung auf: Wir leben trotz fortbestehender und neu entstehender Ungleichheiten heute in der Bundesrepublik in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft, in denen das Bild der Klassengesellschaft nur noch mangels einer besseren Alternative am Leben erhalten wird. Auflösbar wird dieser Gegensatz, wenn man der Frage nachgeht, inwieweit sich in den vergangenen drei Jahrzehnten unetrhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der Ungleichheitsforschung die soziale Bedeutung von Ungleichheiten gewandelt hat. Dies ist meine These: Auf der einen Seite sind die Relationen sozialer Ungleichheit in der Nachkriegsentwicklung der Bundesrepublik weitgehend konstant geblieben. Auf der anderen Seite haben sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung radikal verändert. Die Besonderheit der sozialstrukturellen Entwicklung in der Bundesrepublik ist der Fahrstuhl-Effekt: die ‘Klassengesellschaft’ wird insgesamt eine Etage höher gefahren. Es gibt – bei allen sich neu einpendelnden oder durchgehaltenen Ungleichheiten  – ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum. In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozess der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt” (Beck, Risikogesellschaft, S.121-122).