Goffmann: Instrumentell-formale Organisation

Wenn man an die soziologische Erklärung von Organisationen denkt, dann denkt man in der Regel an Makrosoziologische Ansätze oder an Rational-Choice-Ansätze, wie sie z.B. Herbert Simon entwickelt hat. Aber es gibt auch eine Organisationssoziologie, die von Erving Goffman entwickelt wurde. Sie ist ein wenig in Vergessenheit geraten, weshalb wir sie wieder re-animieren wollen:

“Eine instrumentell-formale Organisation lässt sich definieren als ein System absichtsvoll koordinierter Aktivitäten, welches geschaffen wurde, um allgemeine, klar umrissene Ziele zu erreichen. Das bezweckte Produkt kann aus materiellen Erzeugnissen, Dienstleistungen, Entscheidungen oder Informationen bestehen, und die Beteiligten können auf die unterschiedlichste Art daran Anteil haben. Vor allem interessieren mich jene formalen Organisationen, die innerhalb der Mauern eines einzigen Gebäudes oder Gebäudekomplexes beheimatet sind, wobei ich eine solche umzäunte Einheit der Einfachheit halber als soziale Anstalt, Institution oder Organisation bezeichnen will.

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Für unsere Gesellschaft, wie vermutlich auch für einige andere, trifft also zu, dass die formale instrumentelle Organisation nicht nur die Aktivität ihrer Mitglieder beansprucht. Die Organisation schreibt auch vor, was als offiziell anerkannter Maßstab des Wohlergehens, als gemeinsame Werte, als Anreiz oder als Strafe zu gelten hat. Dieses Konzept geht über einen bloßen Vertrag bezüglich der Beteiligung hinaus und betrifft die Natur oder der soziale Sein des Teilnehmers. Diese impliziten Imagines stellen ein wichtiges Element der von der Organisation aufrechterhaltenen Werte dar, unabhängig davon, wie leistungsorientiert oder unpersönlich diese sein mag. Den sozialen Arrangements einer Organisation liegt also eine sehr umfassende Konzeption des Mitglieds zugrunde – und nicht nur in seiner Eigenschaft als Mitglied, sondern vielmehr in seiner Eigenschaft als Mensch.

Solche Organisationsbegriffe vom Menschen lassen sich leicht bei radikalen politischen Bewegungen und missionierenden religiösen Gruppen feststellen, welche spartanische Wohlfahrts-Standards und stark wirksame, allumfassende gemeinsame Werte aufrechterhalten. Dort wird vom Mitglied erwartet, dass es sich den jeweiligen Bedürfnissen der Organisation unterwirfs. Indem sie ihm sagt, was es tun soll und warum es dies tun soll, schreibt die Organisation dem Mitglied sein gesamtes Sein vor. Dabei gibt es die verschiedensten Abweichungen, und selbst dort, wo solche Abweichungen selten sind, herrschen mitunter starke Befürchtungen in dieser Hinsicht vor – was eindeutig auf die Fragen der Identität und der Selbst-Definition hinweist.

Wir sollten jedoch nicht übersehen, dass, wenn eine Organisation offiziell äußere Anreize anbietet und offen zugibt, dass sie nur einen beschränkten Anspruch auf die Treue, die Zeit und den Geist des Beteiligten erheben kann, dieser Beteiligte, der dies akzeptiert – gleichgültig, was er mit seiner Belohnung tut und wo seine wahren Interessen liegen – stillschweigend eine bestimmte Auffassung von seiner Motivation und daher von seiner Identität akzeptiert. Die Tatsache, dass er die Annahmen hinsichtlich seiner Person als vollkommen natürlich und akzeptabel ansieht, lehrt uns, warum wir als Wissenschaftler diese selten erkennen, will aber nicht besagen, dass sie nicht existieren. Ein Hotel, das sich höflich aus nahezu allen belangen des Gastes heraushält, und ein Gehirnwäsche-Lager, in dem die Auffassung herrscht, der Gast dürfte keine private Angelegenheiten haben, gleichen sich in einr Hinsicht: In beiden gilt eine allgemein anerkannte Ansicht über den Gast, die für ihn bedeutsam ist und die zu akzeptieren man von ihm erwartet.”

(Auszug aus Goffmann: Identität und Anpassung, In: Conrad, Wolfgang & Streeck Wolfgang (Hrsg.). Elementare Soziologie. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, S.61-62)