Sprache und Sprachverständnis: Propositionen

Eine gute Zusammenfassung eines umfangreichen und kaum mehr zu überschauenden Forschungsbereichs der Psychologie, der sich mit Sprache, Sprachverständnis, Textverständnis und -verarbeitung befasst, finden sich in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Form im von Jürgen Straub, Wilhelm Kempf und Hans Werbik herausgegebenen Buch “Psychologie. Eine Einführung” (dtv, 2005).

Es geht um Propositionen.

“Propositionen werden wie erwähnt als tiefenstrukturelle Bedeutungseinheiten aufgefasst, die an der Oberfläche sprachlich unterschiedlich gefasst sein können. (…) Prädikate können an der Satzoberfläche als Verben, Adjektive oder Adverbien realisiert werden; Argumente werden in Anlehnung an die Kasus-Rollen von Fillmore (1968) klassifiziert. Zur Verdeutlichung, dass es sich um Propositionen, das heißt um Relationen zwischen tiefenstrukturellen Wortkonzepten, und nicht um Wörter handelt, werden sie in Großbuchstaben geschrieben. (…) Text lassen sich dabei als Listen von Propositionen notieren; diese werden als tiefenstrukturelle Textbasen bezeichnet, die alle für die Oberflächenrealisation notwendigen Informationen enthalten müssen. Die Transformation eines Textes erfolgt mit Hilfe eines expliziten Regelsystems (…), nach dem Propositionen im ersten Schritt gemäß der Reihenfolge ihrer Prädikate untereinander aufgelistet und duchnumeriert werden; im zweiten Schritt wird auf der Grundlage der Wiederholung von Argumenten eine hierarchische Textstruktur hergestellt.

Propositionen stellen also nicht nur Beschreibungs-, sondern zugleich auch grundlegende Verarbeitungseinheiten dar. Entsprechend wurde versucht, die psychologische Bedeutung der hierarchisch organisierten Propositionsstruktur empirisch zu belegen (…). Überprüft wurde vor allem der Einfluss der Hierarchiehöhe von Propositionen und der (über Argumentwiederholungen festgestellten) Kohärenz der Textbasis auf verschiedene Verstehensmodalitäten. Dabei konnte insbesondere der sogenannte Hierarchie-Effekt systematisch nachgewiesen werden, das heißt, Propositionen auf den oberen Hierarchieebenen werden signifikant besser behalten und weniger schnell vergessen als auf den unteren (…).

Aufgrund dieser Befunde wird der Textverstehungsprozess heute übereinstimmend als hierarchischer und sequentieller Organisationsvorgang aufgefasst, bei dem hierarchiehohe Propositionen die Funktion von Organisationskernen übernehmen (…).

Das propositionale Beschreibungsmodell hat sich insgesamt vor allem in der Grundlagenforschung als erfolgreich erwiesen, da hier Modellannahmen anhand von sehr kurzen Texten überprüft werden. Bei einer Anwendung auf komplexere Texte treten in aller Regel gravierende Probleme auf (…).

Makrostruktur-Modelle gehen davon aus, dass bei der Verarbeitung längerer Texte die Textinformation organisiert und auf das Wesentliche verdichtet wird, und zwar durch sogenannte Makroregeln wie: Auslassen, Generalisieren, Selegieren, Konstruieren oder Integrieren. Die Bildung einer Makrostruktur erfolgt dabei nicht ausschließlich auf der Grundlage des vorgegebenen Textes, sondern immer in Interaktion mit dem Welt- und Vorwissen der Rezipienten … Ein wichtiges Merkmal für Makroregeln ist ihre Rekursivität: Bereits gebildete Makrostrukturen können durch wiederholte Anwendung von Makroregeln weiter verdichtet werden, so dass die Textbedeutung auf unterschiedlichen Globalniveaus repräsentiert werden kann“ (356-357).