Qualitative Sozialforschung: Dichte Beschreibung

Obwohl qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung in den letzten Jahren im Trend lagen und immer noch liegen, gibt es klassische Elemente der qualitativen Sozialforschung, ausgereifte Methoden, die mehr oder weniger ein Mauerblümchendasein führen. Beispiele dafür sind die Grounded Theory und die Dichte Beschreibung, eine ethnographische Methode, die von Clifford Geertz entwickelt wurde. Beiden Methoden, der Dichten Beschreibung wie der Grouded Theory ist gemeinsam, dass sie sehr aufwändige Methoden sind, was erklären mag, warum sie selten benutzt werden.

“Es gibt also drei Merkmale der ethnographischen Beschreibung: sie ist deutend, das, was sie deutet, ist der Ablauf des sozialen Diskurses; und das Deuten besteht darin, das ‘Gesagte’ eines solchen Diskurses dem vergänglichen Augenblick zu entreißen, Der kula-Ringtausch ist verschwunden oder hat sich verändert, das Buch Die Argonauten des westlichen Pazifik ist geblieben. Außerdem gibt es ein viertes Kennzeichen derartiger Beschreibung, zumindest wie ich sie praktiziere: sie ist mikroskopisch.

Das soll nun nicht heißen, dass es keine großangelegten ethnologischen Interpretationen ganzer Gesellschaften, Zivilisationen, Weltereignisse usw. geben könne. Tatsächlich ist es gerade eine solche Ausweitung unserer Untersuchungen auf umfassendere Zusammenhänge, wodurch ethnologische Interpretationen und ihre theoretischen Implikationen eine allgemeine Beachtung beanspruchen und unsere Bemühungen rechtfertigen können. Niemand, nicht einmal Cohen (oder allenfalls noch Cohen) kümmert sich wirklich noch um die Schafe. Die Geschichte mag zwar unauffällige Wendepunkte haben, aber diese kleine Begebenheit gehört gewiss nicht dazu.

Es soll nur heißen, dass sich der Ethnologe typischerweise solchen umfassenden Interpretationen und abstrakteren Analysen von der sehr intensiven Bekanntschaft mit äußerest kleine Sachen her nähert. Er steht den gleichen großen Realitäten gegenüber, mit denen es andere – Historiker, Ökonomen, Politikwissenschaftler, Soziologen – in schicksalhafteren Konstellationen zu tun haben: Macht, Veränderung, Glaube, Unterdrückung, Arbeit, Leidenschaft, Autorität, Schönheit, Gewalt, Liebe, Prestige, aber er begegnet ihnen in reichlich obskuren Zusammenhängen – Orten wie der Marmuscha-Gegend und Biographien wie der von Cohen -, die es ihm nicht geraten sein lassen, solche großen Worte im Mund zu führen. Diese allzumenschlichen Konstanten, ‘jene großen Worte, die uns allen Augen machen’, nehmen in solchen bescheidenen Kontexten bescheidene Formen an. Aber genau da liegt der Vorteil. Es gibt bereits genügend teifgründige Probleme in der Welt. (Geertz, Dichte Beschreibung, S.30-31)