Modernisierungstheorien

Sie sind ein wiederkehrendes Thema in Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft: Die Modernisierungstheorien. Das Bemühen, sich einen Überblick über Modernisierungstheorien zu verschaffen, stößt jedoch schnell an die Grenze der fast unüberschaubaren Menge und Varianten an Modernisierungstheorien.

Zum Glück haben sich Wissenschaftler wie Stefan Hradil die Mühe gemacht, Modernisierungstheorien zu vergleichen und die wichtigsten Punkte, in denen sie übereinstimmen, die sie gemeinsam haben, zu sammeln.

Hr“Aus der Zusammenfassung wichtiger inhaltlicher Aussagen ergibt sich, dass Modernisierungstheorien auch bestimmte formale Unterstellungen gemeinsam haben. Mehr noch als die zuvor genannten inhaltlichen Aussagen riefen einige der formalen Merkmale in der soziologischen Literatur zum Teil heftigen Widerspruch hervor:

  1. Modernisierung stellt einen revolutionären Prozess dar. Die Gesellschaft wird letztenendes radikal verändert.
  2. Modernisierung ist ein komplexer Vorgang, der alle wesentlichen Bereiche der Gesellschaft verändert.
  3. Modernisierung stellt einen zusammenhängenden Komplex von Einzelprozessen dar, die sich wechselseitig unterstützen. Mdernisierungsprozesse, die sich auf Teile der Gesellschaft beschränken und ein Gegenüber von Fortschritt und Stagnation erzeugen, stellen eine Quelle von gesellschaftlichen Konflikten und Spannungen dar.
  4. Modernisierungsprozesse sind unumkehrbar. Es gibt keine gravierenden Rückfälle. Auch Stagnationsprozesse und Zyklen treten nicht auf.
  5. Modernisierung ist im Wesentlichen eine gesellschaftliche Leistung, wenn auch stimuliert durch internationale Konkurrenz, in der modernere Gesellschaften Vorteile haben.
  6. Modernisierung vollzieht sich zwangsläufig in allen Ländern. Ihr kann sich kein Land entziehen, es sei denn um den Preis des Untergangs. Modernisierung findet so letzten Endes in allen Ländern der Welt statt. Es handelt sich um einen globalen Prozess.
  7. Moderne Gesellschaften behindern die ‘Nachzügler’ nicht, sondern fördern ihre Modernisierung. Die Modernisierungstheorie ist somit nicht nur eine Diffusions-, sondern auch eine Aufholtheorie (…).
  8. Modernisierungsprozesse münden in ein gemeinsames Ziel, einer einheitlichen modernen Gesellschaft.
  9. Modernisierungs ist ein fortschrittlicher und somit wünschenswerter Prozess. Er verändert Gesellschaft hin zum Besseren.
  10. Modernisierungstheorien sind zugleich faktisch und normativ ausgerichtet. Sie beschreiben (und erklären ggf.) tatsächliche Vorgänge. Sie enthalten aber auch Sollvorstellungen über wünschenswerte Vorgänge (z.B. Marktwirtschaft und Demokratisierung).

(Hradil, Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, S.22-23)