Thomas Sowell über Diskriminierung

Der schwarzafrikanische Ökonom und Sozialtheoretiker Thomas Sowell ist bekannt geworden mit seiner grundlegenenden Kritik an dem, was manchen Sozialwissenschaftlern als Fakten oder wissenschaftliche Befunde mit Bezug auf Rassismus und Diskriminierung gilt, nämlich, dass die für verschiedene Bevölkerungsgruppen, inbesondere ethnischen Minderheiten, beobachtbaren Unterschiede im Hinblick auf ihre Lebensumstände oder –chancen ein Ergebnis von Diskriminierung sein müsse. Sowell hat in verschiedenen Texten darauf hingewiesen, dass die Beobachtung realer diesbezüglicher Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen überall auf der Welt und in der Geschichte die Regel und nicht die Ausnahme gewesen seien und dass sie nicht automatisch den Rückschluss auf (personale oder strukturelle) Diskriminierung erlaube (s. z.B. Sowell 2001: 169). Zum Beispiel führt Sowell an, dass die Tatsache, dass die amerikanische Bierbrau-Industrie ebenso wie der Kalvierbau fest in der Hand „Weißer“ ist, damit zu tun hat, dass beide Industrien in den USA durch deutsche Auswanderer begründet wurden, die ein entsprechendes Interesse an diesen Produkten und ein entsprechendes „know-how“ mitbrachten.

Sowell vermutet, dass die wichtigste Ursache für statistische Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen mit Bezug auf bestimmte Lebensbereiche oder Aktivitäten darin besteht, darin liegt, dass die Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppen inhärent verschieden von den Angehörigen anderer Bevölkerungsgruppen sind oder unterschiedliche historische Entwicklungen genommen haben:

„The enormous variety of geographic, cultural, demographic, and other variables makes an even, random, or equal distribution of skills, values, and performances virtually impossible. How could mountain peoples be expected to have seafaring skills? How could an industrial revolution have occurred in the Balkans, where there are neither the natural resources required for it nor any economically feasible way of transporting those resources there? How could the indigenous peoples of the Western Hemisphere have transported the large loads that were transported overland for great distances in Europe and Asia, when the Western Hemisphere had no horses, oxen, camels or other comparable beasts of burden?“ Add to this great differences in the flora, fauna, climate, disease environments, topography and fertility of land from one region of the world to another, among other variables, and the prospects of equal achievements among peoples whose cultures evolved in very different settings shrinks to the vanishing point, even if every individual in the world had identical genetic endowments at the moment of conception. Nor are the effects of these environmental factors likely to vanish immediately when people from a given culture in a given environment move to another culture in another environment. Particular skills and general attitudes may follow the same people around the world. Given that Germans were brewing beer in the days of the Roman Empire, there is no reason to be surprised that they continued to brew beer in Milwaukee, St. Louis, Buenos Aires, and Australia’s Barossa Valley” (Sowell 2001: 171-172).

Eine gleiche Verteilung von Merkmalen in Bevölkerungsgruppen mit verschiedener Herkunft und Entwicklungsgeschichte ist also höchst unwahrscheinlich und deshalb vernünftigerweise nicht zu erwarten.

Sowell behauptet nicht, dass es keine Diskriminierung bestimmter Gruppen durch andere geben könne oder gegeben habe, aber er weist darauf hin, dass Diskriminierung nicht einfach aus ungleichen Verteilungen abgeleitet werden kann. Vielmehr ist es zur Feststellung von Diskriminierung nötig, systematische Vergleiche unter Verwendung von Kontrollvariablen durchzuführen. So kann man z.B. nicht einfach von Einkommensunterschieden zwischen Weißen und Schwarzen auf Diskriminierung schließen, sondern muss Weiße und Schwarze mit derselben Qualifikation daraufhin miteinander vergleichen, ob sie (annähernd) dasselbe Einkommen haben. Und man muss siicherstellen, dass die verwendeten Variablen auch sinnvoll verwendet werden können. Wählt man z.B. das Familieneinkommen als Indikator für Einkommensunterschiede (oder –gleichheit), dann ist das in dem Fall irreführend, in dem die Familiengrößen in der betrachteten Bevölkerungsgruppen stark oder systematisch unterschiedlich sind. Deshalb müssen
ggf. Kontrollvariablen berücksichtigt werden wie – in diesem Beispiel – die Familiengröße.

Vergleiche müssen außerdem vollständig sein, wenn man Diskriminierung als Erklärung für Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen im Auge hat, denn der Vergleich zwischen nur zwei Gruppen kann auf Diskriminierung in einem Bereich hindeuten, wenn tatsächlich gar keine in diesem Bereich besteht. Sowell führt als Beispiel hierfür die Beobachtung an, dass Schwarzen viel seltener eine Hypothek gegeben wird als Weißen, was in der amerikanischen Presse zu viel Echo über die angeblich bestehen Diskriminerung geführt hat. Allerdings wird Weißen viel seltener eine Hypothek gegeben als Asiatisch-Stämmigen. Sowell weist darauf hin, dass man, wenn man Diskriminierung als Erklärung für die erste Beobachtung vermuten will, konsequenterweise auch Diskriminierung als Erklärung für die zweite Beobachtung vermuten müsste, und dass bei der Vergabe von Hypotheken gegen Weiße zugunsten von Aisatisch-Stämmigen diskriminiert wird, hält er für höchst unplausibel (vgl. Sowell 2001: 175 ). Und wenn man die erste Beobachtung anders erklären möchte als die zweite, dann braucht man hierfür zusätzliche empirische Evidenz. D.h., es müssen weitere systematische Vergleiche unter Verwendung sinnvoller Kontrollvariablen durchgeführt werden.

Entgegen der weitverbreiteten Annahme, man könne Diskriminierung einfach aus einer ungleichen Verteilung als solche ableiten, ist es also tatsächlich ziemlich schwierig, Diskriminierung festzustellen.

Schließlich weist Sowell auch darauf hin, dass die Betrachtung von Bevölkerungsgruppen statt von Individuen überhaupt irreführend sein kann, denn:

„An individual, however, always means one person, regardless of race or income, so per capita income data can present a very different picture from that deriving from family or household income data. Real income per black household rose only 7 percent from 1967 to 1988, but real income per black person rose 81 percent over the same span. On a household basis, blacks’ average income was a lower percentage of whites’ average income at the end of this period than at the beginning but, on a per person basis, blacks were earning a significantly higher percentage of what whites were earning in 1988 than in 1967.3 Needless to say, those who deal in politicized indignation prefer to cite family or household data. But if we are talking about job discrimination, we are talking about what happens to individuals. Employers do not employ households” (Sowell 2001: 173).

Obwohl Sowell dies alles schon vor nunmehr fast zwanzig Jahren geschrieben hat, ist der einfache, aber falsche Schluss von Unterschieden zwischen Bevölkerungsgruppen auf (dem ursächlich zugrundeliegende) Diskriminierung in manchen Kreisen immer noch üblich – und wird sogar zur Basis politischen Handelns gemacht. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Herstellung von Gleichverteilung von Männern und Frauen auf Professuren, die durch die Bevorzugung von Frauen im Rahmen des Professorinnenprogramms erreicht werden soll.


Literatur:

Sowell, Thomas, 2001: Discrimination, Econimics, and Culture. S. 167-180 in: Thernstrom, Abigail & Thernstrom, Stephan (Hrsg.): Beyond the Colour Line: New Perspectives on Race and Ethnicity in America. Standford: Hoover Institution Press.