Ethnologie: Zombii’s (Zombies)

Die Zeiten, in denen Ethnologen mit aufregenden Berichten ihrer Feldforschung glänzten, die Zeiten der Trobriander, der politischen Systeme in Highland Birma oder der Azande, sie sind wohl weitgehend vorbei. Die Technokratie hat Einzug gehalten und spannende Feldforschung weitgehend erstickt. Und so bleibt nichts anderes übrig, als in Nostalgie zu schwelgen und z.B. E. Wade Davis, seine Feldforschung über die Toten, die zurück kommen, zu lesen und über die Grenzen ethnographischer Forschung zu sinnieren.

“Vor mir lagen nun zwei auseinanderstrebende Wege, die weniger eine Entscheidung bedeuteten als vielmehr ein Zeichen, dass meine Arbeit zu einem vorläufigen Ende gekommen war. Herard würde nicht aufhören, die Bizango-Gesellschaften zu verdammen , und war er mir eben gesagt hatte, enthielt eine grundsätzliche Warnung, einen nachdrücklichen Hinweis darauf, dass meine Handlungen Folgen nach sich zogen. Wenn ich die Initiation in Solvis Silvaises Bizango-Gesellschaft vollständig durchlief, wäre das ein unwiderruflicher Schritt. Ich wäre nicht länger ein Außenstehender und frei, meinen Fuss zu setzen, wohin immer ich wollte. Ich würde Teil eines Netzwerkes werden, verbunden mit den anderen Mitgliedern durch Gelöbnisse und Verpflichtungen. Ich war nach Haiti gekommen, um das Zombie-Phänomen zu untersuchen. Ein Gift war gefunden und identifitiert worden; wir hatten eine Substanz entdeckt, die auf chemischem Weg bewirken konnte, dass ein Mensch in einem Zombie-Zustand gehalten werden konnte. Und doch war ich als westlicher Wissenschaftler, der nichts weiter als ein im Volk verbreitetes Präparat suchen wollte, tief in ein komplexes Weltbild hinein gezogen worden, das von dem meinigen grundverschieden war und mich dazu veranlasste, weniger die chemischen Grundlagen eines weitverbreiteten Volksglauben aufzuklären, als vielmehr die psychologischen und kulturellen Voraussetzungen eines chemischen Vorgangs. Noch bedeutsamer war vielleicht die Annahme, die aus dieser Untersuchung hervorging, dass die Zombie-Verwandlungen einer Logik dienten, die im Erbe dieses Volkes verwurzelt lag.

Gewiss, ich habe versäumt zu dokumentieren, wie ein Zombie aus dem Grab geholt wird, aber das war auch kein Ziel, das ich noch ernsthaft verfolgte. Während der letzten Wochen boten sich mir sogar zwei vielversprechende Gelegenheiten dazu, vorausgesetzt  natürlich, das ich dem Bokor genügend Geld zahlte. Ich hatte auch bereits die vorbereitenden Kontakte geknüpft, doch dann wurde mir klar, dass ich das ganze Konzept geändert hatte. Ein oder zwei Jahre früher hätte ich diesen Weg weiterverfolgt, angespornt durch die tiefe Skepsis, mit der ich nach Haiti gekommen war. Jetzt, da ich meine Zweifel vollständig überwunden hatte, sah ich mich eben durch die Gewissheit gezwungen, auf eine Gelegenheit zu verzichten, die vielleicht denen Beweise geliefert hätte, die meine frühere Skepsis teilten. Die Geldsumme, die die fraglichen Beteiligten forderten, war beträchtlich. Wenn sich die Angelegenheit als Schwindel herausstellte, hätte ich das Geld umsonst ausgegeben. Erwies sie sich aber als hieb- und stichfest, konnte ich mir keine Gewissheit darüber verschaffen, ob das Geld nicht am Ende für das Schicksal des Opfers verantwortlich war. Es war ein ethischer Rubikon, den ich nicht überschreiten wollte” (Davis, Die Toten kommen zurück, S.366-367).