Die Erklärung von Selbstmord durch Anomie und Anomia

Emile Durkheim dürfte jedem Studierenden der Sozialwissenschaflten ein Begriff sein, vermutlich weniger wegen seiner ethnologischen bzw. kulturvergleichenden Schriften, von denen im deutschsprachigen Raum besonders „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ aus dem Jahr 1912 bekannt geworden ist, sondern wohl eher wegen seiner Schrift über den Selbstmord aus dem Jahr 1897.

Bis zu dieser Zeit dominierte die Vorstellung vom Selbstmord als einer rein persönlichen Angelegenheit, die bestenfalls in ihrem Zustandekommen verstanden werden könnte, aber kaum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Betrachtung sein könne, weil er eben eine sehr individuelle Sache sei und nicht durch allgemeine Gesetzmäßigkeiten erklärt werden könne:

„Erklären kann man nur, indem man vergleicht. Eine wissenschaftliche Untersuchung führt nur dann zum Ziel, wenn sie sich auf vergleichbare Fakten bezieht und sie hat um so mehr Aussicht auf Erfolg, je zuverlässiger sie alle Fakten vereint, die miteinander nützlich verglichen werden können“ (Durkheim 1995: 23).

Durkheim wandte sich gegen diese Vorstellung und machte sich mit Hilfe der vergleichenden Methode daran zu zeigen, dass der Selbstmord (auch) ein soziales Phänomen sei insofern es eben doch nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen oder Entwicklungen ist:

„Die Selbstmordrate [in einer Gesellschaft oder einem Land] bildet also ein fest bestimmtes System von Tatsachen, was zugleich durch seine zeitliche Dauer und durch seine Variabilität bewiesen wird. Denn diese Dauerhaftigkeit wäre unerklärlich, wenn sie sich nicht auf ein System deutlicher Merkmale stützte, die gegenseitig interdependent, sich trotz der Verschiedenheit der sie umgebenden Verhältnisse gegenseitig verstärkten. Und diese Variabilität legt Zeugnis ab von der spezifischen und konkreten Natur derselben Merkmale, da sie ebenso variieren wie die soziale Individualität“ (Durkheim 1995: 34-35).

Der von Durkheim so bezeichnete anomische Selbstmord ist ein Selbstmord, der vor dem Hintergrund einer gestörten sozialen Ordnung, einer relativen Regellosigkeit, erfolgt, die dazu führt, dass das [soziale] Handeln der Menschen „regellos wird und sie darunter leiden“ (Durkheim 1995: 296).

Im deutschen Sprachraum weit weniger bekannt ist die Arbeit von Leo Srole aus dem Jahr 1956. Er bemühte sich darum, die gesellschaftliche Anomie, die sich nach Durkheim im Befinden der Individuen niederschlägt und bei einigen zum Selbstmord führt, bei anderen aber eben nicht, als individuelle Anomie fass- und messbar zu machen, um damit erklären zu können, warum einige Menschen Selbstmord begehen, andere aber nicht, obwohl sie gleichermaßen unter Bedingungen gesellschaftlicher Anomie leben. Um individuelle Anomie bzw. individuell erfahrene oder gefühlte Anomie von ihren Entstehungsbedingungen, d.h. gesellschaftlicher Anomie, zu unterscheiden, bezeichnet Srole sie als „Anomia“ im Gegensatz zu (der gesellschaftlichen) „Anomie“.

Srole war der erste, der eine sogenannte Anomieskala zu Messung des Ausmaßes individueller Anomie entwickelt hat. Er nannte sie das „eunomia-anomia“- Kontinuum, und die Skala sollte eine „contemporary condition having its origin in the complex interaction of social and personality factors, present and past” (Srole 1956: 711) erfassen. Srole wollte also nicht Durkheims Sicht auf Selbstmord als sozial bedingtes Handeln wieder eine Sicht auf Selbstmord als rein (individual)psychologisch bedingtes Handeln entgegensetzen, sondern im direkten Anschluss an Durkheim (und Robert Merton) die individuellen, psychologischen Folgen gesellschaftlicher Anomie messen.

Der Entwurf der ersten Anomie- bzw. Anomia-Skala durch Srole wurde im englischsprachigen Raum breit rezipiert und kritisiert, was eine Vielzahl modifizierter oder alternativer Entwürfe von Anomie- bzw. Anomiaskalen (vgl. hierzu z.B. Teevan 1975) zur Folge hatte. Auch im deutschsprachigen Raum finden bis heute viele verschiedene Skalen zur Messung individueller Anomie Verwendung, aber kaum jemand im deutschsprachigen Raum scheint zu wissen, dass sie letztlich fast alle mehr stark oder weniger dem ersten Entwurf einer solchen Skala durch Leo Srole verpflichtet sind und auf welchen konzeptionellen Überlegungen sie daher beruhen. Es ist deshalb wichtig, die Behandlung von Konzepten in den Sozialwissenschaften in der Vergangenheit und die Entwicklungsgeschichte von Mess-Skalen aufzuarbeiten, und das bedeutet normalerweise: „alte“ Literatur im Original zu lesen.

Literatur:

Durkheim, Emile, 1995: Der Selbstmord. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Srole, Leo, 1956: Social Integration and Certain Corollaries: An Exploratory Study. American Sociological Review 21(6): 709-716.

Teevan, James J., 1975: On Measuring Anomia: Suggested Modification of the Srole Scale. The Pacific Sociological Review 18(2): 159-170.