Soziologie: Die Produktivität gesellschaftlicher Konflikte

Heute vor 61 Jahren, nämlich 1956, wurde ein Buch veröffentlicht, das in den folgenden Jahrzehnten als ein Klassiker der Soziologie galt, nämlich das Buch mit dem Titel „The Functions of Social Conflict“ von Lewis A. Coser. Das Buch basiert auf Cosers Dissertationsschrift, die er unter der Betreuung von Robert K. Merton angefertigt hat, und hat als Ausgangspunkt die Theorie des sozialen Konfliktes, die Simmel im Rahmen seiner „Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ aus dem Jahr 1908 formuliert hat.

Wie schon aus dem Titel dieses Buches erkennbar ist, war Simmel der Auffassung, dass die Soziologie die Lehre von den Formen der Vergesellschaftung von Menschen sei und dass Streit bzw. Konflikte unbedingt als eine Form der Vergesellschaftung zu betrachten seien:

„Wenn jede Wechselwirkung unter Menschen eine Vergesellschaftung ist, so muss der Kampf, der doch eine der lebhaftesten Wechselwirkungen ist, der in der Beschränkung auf ein einzelnes Element logisch unmöglich ist, durchaus als Vergesellschaftung gelten“, denn: [der Kampf] ist […] eigentlich die Abhülfsbewegung gegen den auseinanderführenden Dualismus, und ein Weg, um zu irgend einer Art von Einheit, wenn auch durch Vernichtung der einen Partei, zu gelangen — ungefähr wie die heftigsten Erscheinungen der Krankheit gerade oft die Anstrengungen des Organismus darstellen, sich von Störungen und Schädlichkeiten zu befreien“ (Simmel 1908: 247).

Für Simmel wäre eine Gesellschaft, die keinen Konflikt kennt, die „… schlechthin zentripetal und harmonisch, bloß ‚Vereinigung‘ wäre, … nicht nur empirisch unwirklich, sondern sie würde auch keinen eigentlichen Lebensprozess aufweisen …“, denn sie wäre „… auch jeder Veränderung und Entwicklung enthoben …“ (Simmel 1908: 248), also eine stagnierende und daher letztlich sterbende Gesellschaft.

Als Coser seine Dissertation verfasste, war Simmels Vorstellung von der „soziologischen Positivität des Kampfes“ (Simmel 1908: 248) weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu dieser Zeit stand die Soziologie stark unter dem Einfluss von Talcott Parsons, dessen „The Structure of Social Action“, das erstmals im Jahr 1937 erschien, auf der Idee basierte, dass eine Gesellschaftsordnung nur auf der Basis weitgehend geteilter Normen und Werte stabil sein könne.

Für Coser war die Betonung der Wichtigkeit geteilter Werte und Normen, von Harmonie und Gleichgewichten in der damaligen Soziologie der Anlass, die Wichtigkeit von sozialen Konflikten für Gesellschaften wieder in die soziologische Theoriebildung einzubringen.

Coser stimmt mit Simmel grundätzlich darin überein, dass Konflikte in einer Gesellschaft unvermeidlich und für die Stabilität einer Gesellschaft unerlässlich sind, aber er unterzieht Simmels diesbezügliche Argumentation einer genauen Betrachtung und kommt aufgrund dieser Betrachtung teilweise zu einer Kritik der Simmelschen Argumente, und teilweise elaboriert Coser die Argumente Simmels. Beispielsweise war Simmel der Auffassung, dass Konflikte unter Angehörigen einer sozialen Gruppe die Einheit dieser Gruppe stärken würden, weil durch die Konflikte die in der Gruppe vorhandenen Meinungsverschiedenheiten ausgeräumt würden. Coser differenzierte diese Auffassung dahingehend, dass es wichtig sei zu berücksichtigen, worauf genau sich der Konflikt in der Gruppe beziehe, weil dann, wenn Vorstellungen oder Meinungen in Frage gestellt würden, die für die Identität der Gruppe grundlegend wichtig sind, die entstehenden Konflikte nicht die Wirkung hätten, die Einheit der Gruppe zu stärken; vielmehr wäre ein solcher Konflikt dazu geeignet, die Gruppeneinheit (weiter) zu zerstören, während andere Konflikte die Einheit der Gruppe stärken würden.

Weder Simmel noch Coser haben sich in Büchern in nennenswerter Weise der Frage gewidmet, wie Konflikte geschlichtet oder ausgeräumt werden können, d.h. dem Prozess der Konfliktaustragung bzw. Konfliktmanagement haben sich beide Autoren nicht gewidmet. Ihnen ging es wie gesagt darum, die Wichtigkeit und Produktivität von Konflikten für das gesellschaftliche Zusammenleben herauszuarbeiten, also klarzumachen, dass gesellschaftliche oder Gruppen-Konflikte nicht grundsätzlich als etwas Zerstörerisches anzusehen sind, sondern wichtige Funktionen für die Integration oder Re-Integration sozialer Gruppen erfüllen.

In den heutigen Sozialwissenschaften, die wieder durch eine Tendenz gekennzeichnet sind, gesellschaftliche oder Gruppen-Konflikte als etwas grundsätzlich Gefährliches und daher Unerwünschtes zu bewerten, und in der heutigen Gesellschaft, in der viele, auch viele Sozialwissenschaftler, dem naiven Glauben anhängen, durch Integrationsmaßnahmen und Gleichstellung könne eine konfliktfreie und stabile Gesellschaft quasi sozialtechnologisch hergestellt werden, scheint die neuerliche Lektüre und Aufarbeitung der Argumente von Simmel und Coser und anderer sogenannter Konflikttheoretiker mehr als überfällig zu sein.

Literatur:

Coser, Lewis A., 1956: The Functions of Social Conflict. Glencoe: Free Press.

Parsons, Talcott, 1937: The Structure of Social Action: A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers. New York: McGraw-Hill.

Simmel, Georg, 1908: Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Leipzig: Duncker & Humblot.