Darstellung und Interaktion

Wie oft haben Sie schon gelesen, dass z.B. in einem Vorstellungsgespräch der erste Eindruck zählt. Das Erscheinungsbild, die Kongruenz zwischen Anspruch, der mit der eigenen Erscheinung angebmeldet wird und dem Anspruch, den Beobachter zugestehen, es scheint für die Beurteilung von Menschen eine große Rolle zu spielen. Einer der ersten, die sich mit Fragen der Darstellung in Situationen sozialer Interaktion beschäftigt haben, ist Erving Goffman. In seinem Buch “Wir alle spielen Theater” schreibt er zur Frage, welche Informationen der Ausdruck über das Selbst preisgibt, das Folgende:

“Jeder sozialen Interaktion scheint eine fundamentale Dialektik zugrunde zu liegen. Wenn ein Einzelnern mit anderen zuammenkommt, will er die tatsächliche Situation entdecken. Im Besitz der Kenntnis der Situation könnte er wissen, was geschehen wird, und sich darauf einstellen, und er könnte den anderen Anwesenden so viel von ihren Rechten zugestehen, wie sich mit seinem aufgeklärten Interesse verträgt. Um den tatsächlichen Charakter der Situation vollständig zu enthüllen, müßte der Einzelne alle relevanten gesellschaftlichen Daten über die anderen wissen. Er müßte auch das tatsächliche Resultat oder Endprodukt der Tätigkeit der anderen während der Interaktion sowie ihre innerste Einstellung zu ihm kennen. Vollständige Informationen solcher Art sind nur selten zugänglich: in ihrer Abwesenheit stützt sich der Einzelne gerne auf Ersatzinformationen – Hinweise, Andeutungen, ausdrucksvolle Gesten, Statussymbole usw. – als Mittel der Vorhersage. Kurz, da die Realität, mit der es der einzelnen zu tun hat, im Augenblick nicht offensichtlich ist, muss er sich statt dessen auf den Anschein verlassen; und paradoxerweise muss er sich desto mehr auf diesen konzentrieren, je mehr er um die Realität besorgt ist.

Der Einzelne neigt dazu, die anderen Anwesenden auf Grund des Eindrucks ihrer Vergangenheit und Zukunft zu behandeln. Hier werden kommunikative und moralische Handlungen umgesetzt. Die Eindrücke, die die anderen erwecken, werden als Behauptungen und Versprechungen gewertet, die sie implizit abgegeben haben, und Behauptungen und Versprechungen nehmen meist einen moralischen Charakter an. Zu sich selbst sagt der Einzelne: ‘Ich benütze diese Eindrücke von dir, um dich und deine Tätigkeit zu prüfen, und du sollst mich nicht in die Irre führen.’ Das Merkwürdige daran ist, dass er sich leicht auf diesen Standpunkt stellt, obgleich er erwartet, dass sich die anderen eines großen Teils ihres Ausdruckverhaltens nicht bewusst sind, und obwohl es seine Absicht sein kann, die anderen auf Grund der Informationen, die er so über sie gewinnt, auszunützen. Da die Quellen der Eindrücke, die der einzelne Beobachter auswertet, eine Vielzahl von Maßstäben der Höflichkeit und des Anstands umfassen, die sich sowohl auf gesellschaftlichen Verkehr wie auf die Erfüllung von Leistungen beziehen, können wir wiederum sehen, wie stark das Alltagsleben von moralischen Ansprüchen bestimmt ist.

[…]

Damit sind wir beid er grundlegenden Dialektik. In ihrer Eigenschaft als Darsteller ist den Einzelnen daran gelegen, den Eindruck aufrechzuerhalten, sie erfüllten die zahlreichen Maßstäbe, nach denen man sie und ihre Produkte beurteilt. Weil des Maßstäbe so zahlreich und allgegenwärtig sind, leben die einzelnen Darsteller mehr als wir glauben in einer moralischen Welt. Aber als Darsteller sind die Einzelnen nicht mit der moralischen Aufgabe der Erfüllung dieser Maßstäbe beschäftigt, sondern mit der amorlischen Aufgabe, einen überzeugenden Eindruck zu vermitteln, dass die Maßstäbe erfüllt werden. Unsere Handlungen haben es also weitgehend mit moralischen Fragen zu tun, aber als Darsteller sind wir nicht moralisch an ihnen interessiert. Als Darsteller verkaufen wir nur die Moral.” (Goffman, Wir alle spielen Theater, S.227-230).