Gesundheitswissenschaften: Alternativen zur medikamentösen Behandlung der Symptome von ADHS

Bereits im Jahr 1890 hat W. James ein „deficit of inhibitory control“ identifiziert, und im Jahr 1932 führten Kramer und Pollnow die Bezeichnung „Hyperkinetic Syndrom“ ein. Eine spezifische Verhaltensstörung mit dem Titel „Hyperkinectic Disorder of Childhood“ wurde im Jahr 1957 identifiziert, und in die Internationale Klassifikation der Krankheiten wurde ADHS erstmals im Jahr 1974 aufgenommen (in die ICD-8). Im Jahr 1987 wurde die Verhaltensstörung in „Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder“ oder „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ umbenannt (Conrad 2008: 63). In dieser Bezeichnung sind die Hauptmerkmale der Störung bereits benannt: Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität bzw. Rastlosigkeit.

Inzwischen ist auch bekannt, dass ADHS zwar im Kindes-, vor allem im Schulalter erkennbar wird, aber keine „Kinderkrankheit“ ist, sondern auch Erwachsene (noch) unter ADHS leiden (Cherkasova et al. 2013). Neuropsychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass ADHS mit Funktionsstörungen bezüglich der Signalübertragung in oder zwischen Gehirnregionen aufgrund eines Ungleichgewichtes von Botenstoffen wie Dopamin zu tun hat. Im Jahr 1937 wurde erstmals ein Stimulanz zur Behandlung der Symptome von ADHS verwendet (Kumperscak 2013: 4), und seitdem wurden die Symptome von ADHS mit Stimulanzien, vor allem mit Methylphenidat (z.B. Ritalin), aber auch mit Amphetaminen (z.B. Concerta), behandelt. Wie alle Medikamente können diese Stimulanzien eine Reihe von Nebenwirkungen haben. So kann Methylphenidat u.a. zu Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Depressionen und – selten – zu Halluzinationen und starken Stimmungsschwankungen führen.

Angesichts solcher Nebenwirkungen ist es nicht verwunderlich, dass viele Eltern oder Erwachsene, die selbst ADHS-Patienten sind, nach Alternativen suchen, mit der Störung – besser – zu leben. Eine Alternative sind Aufmerksmkeitstrainings wie z.B. das Marburger Konzentrationstraining (Krowatschek et al. 2004) oder das Aufmerksamkeitstraining nach Lauth und Schlottke (2009), das u.a. die Selbststeuerungsfähigkeit von Kindern verbessern soll, die an ADHS leiden. Eine systematische Evaluation solcher Trainings gibt es bislang aber noch nicht.

Das sogenannte Neurofeedback zielt darauf ab, eine Person in die Lage zu versetzen, bewusst in hirnelektrische Abläufe einzugreifen, indem ihr für die Symptomatik von ADHS relevante Elektroenzephalografie-Parameter kontinuierlich zurückgemeldet werden. Die ersten Berichte über entsprechende Behandlungen stammen aus den 1970er-Jahren, aber erst 2009 haben Arns, de Ridder, Strehl et al. (2009) eine Meta-Analyse zur Wirksamkeit von Neurofeedback zur Behandlung von ADHS vorgelegt. Die Autoren kamen zur dem Ergebnis, dass Neurofeedback als eine wirksame Behandlungsmethode gelten kann und vor allem Aufmerksamkeit fördert und Impulsivität reduziert. Allerdings hängt die Wirksamkeit des Neurofeedback von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen der Behandelten ab und davon, dass die Behandelten bereit sind, die erlernten Strategien im Alltag anzuwenden (Lansbergen et al. 2010; Logeman et al. 2010).

Eine weitere Alternative zur medikamentösen Behandlung von ADHS, die seit den 2000er-Jahren und vor allem bei Erwachsenen häufiger verwendet wird, stellt die „Mindfulness Meditation“ dar, die in Deutschland auch als „Achtsamkeitsmeditation“ bezeichnet wird. Sie soll vor allem die Aufmerksamkeit fördern, aber auch Stress reduzieren und die Stimmung verbessern. Sie beruht auf der Vipassana-Meditation („insight meditation“), die aus dem antiken Indien stammt und Eingang in den Buddhismus gefunden hat. „Vipassana Practise means the effort ‘to see and note‘, to ‘see and note’ without identifying, without prejudice, without involvement, only that which is to be seen” (Bickell 2010: 25). Dementsprechend wird bei der Achtsamkeitsmeditation ein Meditationsobjekt – häufig ist dies die eigene Atmung – gewählt, und auf dieses Objekt soll sich während der Meditation konzentriert werden. Dabei aufkommende Gefühle oder Gedanken sollen lediglich registriert werden, aber sie sollen nicht weiter beachtet werden. Es liegen verschiedene Studien vor, die die positive Wirkung der Achtsamkeitsmeditation auf die ADHS-Symptomatik sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern belegen (einen diesbezüglichen Überblick bieten Mitchell, Zylowska und Kollins 2015 sowie – in deutscher Spache – Schmiedeler 2015), aber einige dieser Studien wurden ohne die Einbeziehung einer Kontrollgruppe durchgeführt und fast alle beruhen auf kleinen Fallzahlen, so dass die positiven Ergebnisse zwar als ermutigend, aber als noch vorläufig betrachtet werden müssen.

Festgehalten werden kann: Es gibt mehrere nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden der ADHS-Symptomatik, die zumindest bei einem Teil der ADHS-Patienten Erfolge erzielen. Wie groß diese Erfolge mit Bezug auf verschiedene Symptome und im Vergleich zur medikamentösen Behandlung sind und welche unerwünschten Nebenwirkungen sie ggf. haben, ist derzeit aber unbekannt. Hier wartet ein weites und wichtiges Forschungsfeld auf Bearbeitung.

Literatur:

Arns, Martijn, de Ridder, Sabine, Strehl, Ute et al. (2009): Efficacy of Neurofeedback Treatment in ADHD: the Effects on Inattention, Impulsivity and Hyperactivity: a Meta-Analysis. Journal of Clinical EEG & Neuroscience 40(3): 180-189.

Bickell, George D., edited by Ilse Aschenbrenner (2010): Vipassana Meditation. Vienna: Vipassana-Meditation-Centre.

Cherkasova, Mariya, Sulla, Erin, Dalena, Kara L. et al. (2013): Developmental Course of Attention Deficit Hyperactivity Disorder and its Predictors. Journal of the Canadian Academy of Child and Adolsecent Psychiatry 22(1): 47-54.

Conrad, Peter (2008): Attention Deficit Hyperactivity Disorder. In: Parrillo, Vincent N. (ed.): Encyclopedia of Social Problems, Volume 1. Los Angeles: Sage, S. 62-64.

Kumperscak, (2013): ADHD Through Different Developmental Stages. In: Banerjee, Somnath (ed.): Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents. Rijeka: InTech, S. 3-19.
ADHD Through Different Developmental Stages

Lauth, Gerhard W. & Schlottke, Peter F. (2009): Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern: mit Online-Materialien. Weinheim: Beltz.

Lansbergen, Marieke M., van Dongen‐Boomsma, Martine, Buitelaar, Jan K., & Slaats‐Willemse, Dorine (2011): ADHD and EEG‐neurofeedback: a Double‐blind Randomized Placebo‐controlled Feasibility Study. Journal of Neural Transmission 118(2): 275-284.

Logemann, H. N. Alexander, Lansbergen, Marieke M., Van Os, Titus W., Bocker, Koen. B., & Kenemans, J. Leon (2010). The Effectiveness of EEG‐feedback on Attention, Impulsivity and EEG: a Sham Feedback Controlled Study. Neuroscience Letters, 479(1): 49‐53.

Mitchell, John T., Zylowska, Lidia & Kollins, Scott H. (2015): Mindfulness Meditation Training for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Adulthood: Current Empirical Support, Treatment Overview, and Future Directions. Cognitive and Behavioral Practice 22: 172-191.

Schmiedeler, Sandra (2015): Achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 43(2): 123-131.