Philosophie: Marxens Menschenbild

Das Menschenbild eines Philosophen ist in der Regel für die Art und Weise, in der er seine Philosophie entwickelt, entscheidend. Die Rekonstruktion des entsprechenden Menschenbildes ist gemeinhin nicht so einfach, wie man sich das vorstellt, es sei denn, der entsprechende Philosoph hat eine Philosophie entwickelt, die von einem Menschenbild ausgeht, wie dies z.B. Thomas Hobbes in seinem Leviathan getan hat. Karl Marx hat dies nicht getan. Sein Menschenbild ist in seinen Schriften verstreut, muss zusammengesammelt werden und oft genug sind diejenigen, die es sammeln, in ihrer Beschreibung noch ausschweifender als das Original. Wir haben eine kurze und prägnante Zusammenfassung bei Marvin Harris gefunden. Harris ist Ethnologe:

“Marx faßt seine Darstellung des Menschen als Naturwesen, als gegenständliches und sinnliches Wesen in der Bezeichnung ‘leidendes, bedingtes und beschränktes’ Wesen zusammen. Der Mensch leidet aufgrund dessen, was er erduldet. Sinnlichkeit bedeutet nach Marx notwendig Leiden. Der Mensch kann nicht all das erlangen, was er zur Verwirklichung seiner natürlichen Kräfte bedarf, da gewissermaßen die ganze Welt beansprucht wird. Er wird immer wieder vorkommen, und wenn auch nur für kurze Zeit, dass eine Frau (oder ein Mann), Nahrung etc. nicht erreichbar sind, und was ihm versagt ist, verursacht ihm Leiden (…). Weil er fühlt, was er erduldet, weil Erdulden Leiden bedeutet, wird der Mensch als leidenschaftliches Wesen bezeichnet. Die Leidenschaft ist jene Eigenschaft, die hinter den Anstrengungen des Individuums nach seinen Gegenständen steht. Aus der Sicht des fühlenden Subjekts ist sie mit dieser Anstrengung identisch.

Schließlich wird der Mensch als beschränktes Wesen bezeichnet, weil seine Sehnsüchte und Triebe von allen Seiten begrenzt werden (…). Die Verfügbarkeit der Gegenstände in der Natur und ihre besonderen Eigenschaften kontrollieren den Menschen in allem, was er zu tun versucht; sie bestimmen, wann und wie er seine Kräfte gebrauchen kann’ (…) Marx legt den Menschen bestimmte Kräfte bei, die er in natürliche und gattungsmäßige einteilt, und vertritt die Ansicht, dass jede dieser Kräfte durch ein korrespondierendes Bedürfnis im Bewusstsein des Individuums reflektiert wird; das Individuum fühlt das Bedürfnis nach allem, was zur Verwirklichung seiner Kräfte notwendig ist. Die natürlichen Gegenstände, einschließlich anderer Menschen, sind der Stoff, durch den sich diese Kräfte verwirklichen und nach dem deshalb auch Bedürfnisse empfunden werden. Die Verwirklichung erfolgt durch die Aneignung der Gegenstände, die ihrer Art und ihrem Entwicklungsstand nach mit diesen Kräften übereinstimmen. Aneignung ist Marxens allgemeinster Ausdruck für die Tatsache, dass der Mensch die Natur, mit der er in Berührung kommt, in sich aufnimmt. Die Tätigkeit ist in diesem Zusammenhang das hauptsächliche Mittel des Menschen, sich Gegenstände anzueignen, sie wird derher zum effektiven Medium zwischen Individuum und äußerer Welt. Marx setzt diese Tätigkeit in drei verschiedene Beziehungen zu den Kräften des Menschen: erstens liefern sie den wichtigsten Beleg für ihr Zusammenwirken; zweitens eröffnet sie dadurch, dass sie die Natur und alle von der Natur auferlegten Beschränkungen verändert, neue Möglichkeiten ihrer Erfüllung, und drittens bildet sie das wichtigste Mittel zur Entwicklung ihres eigenen Potentials als Kräfte” (Sahlins, Marshall, 1994: Kultur und praktische Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.231-232).