Empirische Sozialforschung: Guttman-Skalierung

Zuweilen hat man den Eindruck, dass heute jeder von sich denkt, er könne ins Feld gehen und eine Befragung durchführen. Dass es Methoden der empirischen Sozialforschung und damit einen Korpus der Arten der Befragung und Methoden der Umsetzung mit theoretischen Erwartungen an die Antwortverteilung verbindet, ist häufig in Vergessenheit geraten. Eine der Messmethoden, die eine theoretische Erwartung an die Antwortverteilung in sich tragen, ist die so genannte Guttman-Skalierung, bei der Items so formuliert werden, dass sich eine Zustimmungshierarchie ergibt.

Ein gutes Beispiel für eine solche Skalierung findet sich bei Diekmann:

“In der Bern-Münchner Umweltbefragung wurden mehrere Fragen zum öffentlichen Umweltmanagement gestellt. So haben wir uns z.B. danach erkundigt, ob die interviewten Personen einer Umweltschutzorganisation angehörten, schon einmal eine Veranstaltung einer Umweltorganisation besucht oder schon einmal Geld für eine Umweltaktion gespendet haben.

  • (A) Haben Sie sich schon einmal in eine Unterschriftenliste eingetragen, bei der es um Umweltprobleme ging [58%: Ja]
  • (B) Haben Sie schon einmal oder häufig Geld für eine Umweltschutzaktion oder eine Umweltorganisation gespendet? [42%: Ja]
  • (C) Sind Sie aktives oder passives Mitglied einer Umweltschutzorganisation oder einer Vereinigung die Umweltschutzinteressen verfolgt? [17%: Ja]
  • (D) Haben Sie schon einmal ein Treffen oder eine Veranstaltung einer Umweltschutzorganisation besucht? [16%: Ja]

[…]

Wie zu erwarten, beteiligten isich mehr Leute an einer Umweltaktion mit einer Unterschrift als durch eine aktive Teilnahme. Wieder einmal zeigt sich: Je höher die Kosten des Verhaltens sind, desto geringer ist das Engagement. Nimmt der Anteil der Ja-Antworten von A bis D ab, so ist dies gleichbedeutend damit, dass testtheoretisch gesprochen, der ‘Schwierigkeitsindex’ der Items anwächst. Es ist zu vermuten, dass die Items somit eine unterschiedliche Intensität bezüglich des ‘theoretischen Konstrukts’ (oder der latenten Dimension] Umweltengagement zum Ausdruck bringen. Diese Vorstellung lässt sich im Rahmen des Skalierungsmodells genauer formulieren. Ein wichtiger Begriff der Skalierungstheorie ist die sogenannte Itemcharakteristik (trace line), oder genauer: die ‘itemcharakteristische Funktion’. Diese Funktion stellt die Wahrscheinlichkeit p einer positiven Reaktion auf ein Item j in Abhängigkeit von der Position einer Persion auf der latenten Dimension I dar. Bei einer (schwach) monotonen Itemcharakteristik wie im Fall der Guttman-Skala kann mit einem höheren Wert des theoretischen Konstrukts T die Wahrscheinlichkeit der Zustimmung nur zunehmen oder gleich bleiben, aber nicht abnehmen. Speziell unterstellt die Guttman-Skalierung die deterministische Annahme einer Sprungfunktion mit den Zustimmungswahrscheinlichkeiten p = 0 bzw. p = 1.” (Diekmann, Empirische Sozialforschung, S237-238).