Zeitgeschichte: Anti-Liberalismus

Liberalismus gibt es in einer politischen und in einer ökonomischen Variante. Politischer Liberalismus ist am Individuum ausgerichtet und verlangt Willens-, Meinungs- und Handlungsfreiheit. Ökonomischer Liberalismus überträgt die menschlichen Freiheiten auf die Ebene wirtschaftlicher Handlungen und verlangt ein Umfeld, das frei von Eingriffen, Zwängen und Regulationen ist, um auf diese Weise, einen freien Tausch zu gewährleisten.

Diese Grundprämissen beider Formen des Liberalismus sind in vielen Spielarten z.B. im Ordo-Liberalismus enthalten. Auf ihrer Grundlage haben sich eine Vielzahl von Varianten entwickelt, die letztlich alle die Freiheit des Einzelnen zum Ausgangspunkt haben. Gerade dieser Freiheit des Einzelnen galt politischen Kommentatoren im Deutschland der 1920er Jahre als gefährlich, als Ausdruck der Atomisierung und Mechanisierung des organischen Volkskörpers als Ersetzung der Gemeinschaft durch die Gesellschaft.

Die Agitation gegen den Liberalismus und seine Ausprägung in der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik hat viele Facetten, aber auch hier gilt, dass letztlich ein Gemeinsames vorhanden ist, das alle Kritik am Liberalismus vereint, nämlich, dass die Kritik keine sachliche ist, die sich rational diskutieren ließe, sondern eine emotionale, die sich rationaler Kritik entzieht.

Dazu schreibt Kurt Sontheimer in seinem Buch, “Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik”:

“Liberalismus, Individualismus, Mechanismus waren Allgemeinbegriffe, die in der ideologischen Diskussion der zwanziger Jahre eine außerordentliche Rolle spielten und die aufgrund ihres wenig präzisen Gebrauchs die differenziertesten politischen und soziologischen Gebilde zu decken vermochten. Sie dienten nicht historischer Erkenntnis, sondern waren mit negativen Werturteilen besetzte Schlagworte, die in den Weltanschauungskampf hineingeworfen wurden. Die Ablehnung des Liberalismus war bestimmend für alle wichtigen antidemokratischen Gruppierungen der Zeit. Sie galt für die in die politische Verantwortung ungestüm hineindrängende Jugendbewegung, vor allem bündischen Charakters, wie für die Sekten und Gruppen der Nationalrevolutionäre. Sie war eines der hervorstechendsten Kriterien der neukonservativen Bewegung, fand sich aber auch, wenngleich weniger prononciert, bei altkonservativen Gruppen, die um eigener Interessen willen gegen den Kapitalismus und seine liberalen Tendenzen standen, und erst recht gegen die politischen Institutionen des Liberalismus wie die parlamentarische Demokratie.” (Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik, S.144-145).

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