Sozialpsychologie: Tajfel über Stereotype

Wenn heute die Rede auf Stereotype kommt, dann ist damit häufig bereits eine negative Wertung verbunden, denn Stereotypisieren gilt als negative Tätigkeit, fast schon als eine Form der Diskriminierung.

Das war nicht immer so.

Bereits Gordon Allport hat 1954 auf die kognitive Funktion von Stereotypen hingewiesen. Einige Jahre später (1981) hat Henri Tajfel die normative, wertende Funktion von Stereotypen angefügt, die notwendig ist, um Gruppengrenzen nicht nur zu definieren, sondern auch aufrech zu erhalten. Wir zitieren heute aus seiner Schrift “Gruppenkonflikt und Vorurteil” und daraus eine Passage, in der es um die “kognitiven Funktionen von Stereotypen” geht.

“Bei der Diskussion des Kategorisierungsprozesses in seinem klassischen Buch über das Vorurteil (1954m S,20-22) erwähnte Allport folgende fünf wichtigen Charakteristika dieses Prozesses:

  1. Er bildet große Klassen oder Gruppierungen, die unsere täglichen Anpassungsversuche leiten;
  2. Durch die Kategorisierung wird so viel wie möglich in die jeweilige Klasse assimiliert ;
  3. Die Kategorie ermöglicht es uns, ein damit verbundenes Objekt schnell zu identifizieren;
  4. Die Kategorie saturiert alles, was sie umfasst, mit dem gleichen vorstellungsmächtigen und emotionalen Fluidum;
  5. Kategorien können mehr oder weniger rational sein;

Etwas später in diesem Buch diskutiert Allport den ‘kognitiven Prozeß’ bei der Wirkungsweise von Vorurteilen, dessen Merkmale die Auswahl, Anzentuierung und Interpretation von Informationen aus der Umwelt sind. Er unterscheidet jedoch zwischen einer Kategorie und einem Stereotyp. Letzteres ist eine ‘übertriebene Überzeugung, die mit einer Kategorie verbunden ist. Ihre Funktion besteht in der Rechtfertigung (Rationalisierung) unseres Verhaltens in Verbindung mit dieser Kategorie” (S. 191). Auf diese Weise verband Allport die kognitive und die ‘Wertfunktion der Stereotypisierung’. Aber seine Definition gab dem Phänomen nicht mehr als den Status eines Zusatzes zu seinem vierten wichtigen Charakterisktikum des Kategorisierungsprozesses: es ist etwas, das selbst keine Kategorie ist, sondern eine Vorstellung (image), die ‘häufig als ständige Markierung der Kategorie existiert’ (S.192). Seitdem ist unsere Auffassung über das Wesen des Stereotyps über Allports statische Auffassung von einer ständigen Markierung (fixed mark) oder einer Vorstellung weit hinausgegangen.

[…]

Zusammengefasst kann man also sagen, dass eine lange und ehrwürdige Serie von Arbeiten existiert, die zeigt, dass Entstehung und Gebrauch sozialer Stereotype ohne detaillierte und sorgfältige Analyse ihrer kognitiven Funktion nicht erforscht werden können” (Tajfel, Gruppenkonflikt und Vorurteil, S.46-48).