Kriminologie: Die subjektive Schwere von Straftaten

Aus dem Strafrecht ist eine Hierarchiesierung von Straftaten nach ihrer Schwere bekannt: schwere bzw. schwerwiegende Straftaten sollen härter bestraft werden als weniger schwere bzw. schwerwiegende Straftaten, und im Großen und Ganzen dürfte Einigkeit darüber bestehen, dass Totschlag eine schwerwiegendere Straftat ist als Diebstahl. Die Einigkeit über die Schwere einer Straftat dürfte aber weit weniger weitgehend sein, wenn es um Straftaten wie Körperverletzung, Brandstiftung, Landfriedensbruch, Diebstahl oder Erpressung geht.

Aus der kriminologischen Forschung ist bekannt, dass z.B. das Anzeigeverhalten davon abhängt, als wie schwerwiegend jemand eine Straftat subjektiv empfindet. Dabei kann man unterscheiden zwischen der subjektiven Schwere, die das Opfer einer konkreten Straftat empfindet, und der subjektiven Schwere einer Straftat, die Menschen empfinden, obwohl sie nicht selbst Opfer dieser oder einer solchen Straftat geworden sind. Die erste Art der subjektiven Schwere einer Straftat kann man als dem Grad der persönlichen Viktimisierung entsprechend bezeichnen, die zweite als dem Grad des persönlichen Bedrohungsgefühls entsprechend.

Zu beiden Arten von subjektiver Schwere von Straftaten gibt es relativ wenig empirische Forschung. Sofern es sie gibt, bezieht sie sich aber fast immer auf die erste Art, also die Schwere einer Straftat, die sich nach dem subjektiven Empfinden derjenigen Person bemisst, die Opfer der Straftat geworden ist. So gibt es z.B. Forschung darüber, dass das Anzeigeverhalten davon abhängt als wie scherwiegend jemand die Straftat, deren Opfer er geworden ist, empfindet. Darüber, als wie schwerwiegend eine Bevölkerung oder Teile einer Bevölkerung Straftaten empfindet bzw. wie stark sie sich durch bestimmte Straftaten im Vergleich zu anderen bedroht fühlt, gibt es aber überraschenderweise so gut wie keine Forschung. So ist z.B. unbekannt, ob der strafrechtlichen Unterscheidung zwischen Einbruch und Diebstahl ein Unterschied im Empfinden der Menschen entspricht oder nicht und ob eine Nötigung oder eine Freiheitsberaubung im Empfinden der Menschen schwerwiegender oder weniger schwerwiegend oder genauso schwerwiegend ist wie eine Körperverletzung und ob eine Unterschlagung als weniger schwerwiegend empfunden wird als ein Diebstahl.
Die Pioniere der empirischen Forschung über diese Fragen sind Thorsten Sellin und Marvin E. Wolfgang. Sie haben ein Buch mit dem Titel „The Measurement of Delinquency“ geschrieben, das im Jahr 1964 veröffentlicht wurde und über die Angaben von 1.000 U.S.-amerikanischen Studenten, Jugendrichtern und Polizisten darüber beruhte, in welche Rangfolge sie eine Reihe von Straftaten, Verbrechen und Ärger oder Aufsehen erregenden Verhaltensweisen wie Mord, Einbruch, Kraftfahrzeugdiebstahl, Betrunkensein in der Öffentlichkeit gemäß ihrer subjektiv empfundenen Schwere bringen würden. Dabei erfragten Sellin und Wolfgang die subjektiv empfundene Schwere der Taten generell und gewichtet nach ihren Folgen. Ziel der Autoren war es, einen Index der subjektiv empfundenen Schwere der Taten zu erstellen, der die allgemeine statistischen Berichterstattung über Straftaten ergänzen sollte. Wie man sich vorstellen kann, wurde an der Studie von Sellin und Wolfgang methodische Kritik geübt, was der Stellung von Sellin und Wolfgang als Pionieren der Forschung über die subjektiv empfundene Schwere von Straftaten aber keinen Abbruch tut.

Die Arbeit von Sellin und Wolfgang bildete auch die Grundlage für den groß angelegen National Survey of Crime Severity, in dessen Rahmen über einen Zeitraum von sechs Monaten beginnend im Jahr 1977 60.000 Interviews geführt wurden, in denen die Befragten jeweils 25 kriminelle oder Ärger erregende Taten gemäß ihrer Schwere in eine Rangfolgen bringen sollten. Durch Variation der jeweils 25 Taten wurde die subjektiv empfundene Schwere von insgesamt 204 Taten erfragt. Interessiert waren die Forscher vor allem, daran ob die Rangfolge der Schwere der Taten mit soziodemographischen Merkmalen der Befragten zusammenhingen, und sie stellten fest, dass das in vielen Fällen zutraf: u.a. empfanden Männer ein Bombenattentat mit 20 Toten als schwerwiegender als es Frauen taten, während Frauen Vergewaltigung als schwerwiegender empfanden als Männer es taten, und alte Menschen empfanden die Schwere von Diebstahl hochwertiger Güter als stärker als jüngere Menschen. Insgesamt empfanden die Befragten die Schwere der Taten aber als sehr ähnlich.

Der National Survey of Crime Severity hat deutlich gemacht, dass es dem Empfinden der Menschen nicht angemessen ist, Eigentumsdelikte oder Gewaltkriminalität undifferenziert zu behandeln und Letztere immer als schwerwiegender als Erstere zu betrachten und zu behandeln. Was genau das für die Bemessung von Strafhöhen für Straftaten bedeutet, ist unklar. Von praktischem Wert können Befragungen wie der National Survey of Crime Severity aber trotzdem sein, z.B. wenn die Ressourcen von Polizei und Wachpersonal auf die Bekämpfung oder Verhinderung derjenigen (Straf-)Taten konzentriert würden, die von den Menschen als besonders schwerwiegend oder bedrohlich empfunden werden. Heutzutage könnte das besonders auf Selbstmordattentate im öffentlichen Raum zutreffen, aber ohne eine entsprechende empirische Forschung kann hierüber leider nur spekuliert werden.

Literatur:

Sellin, Thorsten & Wolfgang, Marvin E., 1964: The Measurement of Delinquency. New York: Wiley.

Wolfgang, Marvin E. et al., 1985: The National Survey of Crime Severity. Washington, D. C.: U.S. Department of Justice; Bureau of Justice Statistics.