Soziologie: Kulturelle Selbstverständlichkeiten

Die Frage, was unter Kultur zu verstehen ist, ist eine der Fragen, die Sozialwissenschaftler seit Jahrhunderten beschäftigt. Schon Kroeber und Kluchhohn haben in ihrer Arbeit in den 1950er Jahren mehr als 150 Definitionen für den Begriff Kultur gezählt.

Einen besonderen Zugang zur Kultur, zur Alltagskultur hat die Ethnomethodologie gewählt. Ihr Augenmerkt gilt den kulturellen Selbstervständlichkeiten, die so selbstverständlich sind, dass man sie gar nicht bemerkt, nicht über sie nachdenkt, erst dann auf sie aufmerksam wird, wenn sie von anderen verletzt werden.

Berühmt geworden ist die entsprechende Forschung im Zusammenhang mit dem Begriff der Erschütterungsexperimente und durch das folgende, sehr kurze Beispiel, das Harold Garfinkel gegeben hat:

“„The victim waved his hand cheerily.
(S) How are you?
(E) How am I in regard to what? My health, my finances, my school work, my peace of mind, my …?
(S) (Red in the face and suddenly out of control.) Look! I was just trying to be polite Frankly, I don’t give a damn how you are.”
(Garfinkel 1996: 44).

Das Beispiel zeigt nicht nur, dass phatische Kommunikation auf einer Vielzahl kultureller Voraussetzungen basiert, es zeigt auch, wie schnell und einfach es möglich ist, kulturelle Erwartungen in einer Art und Weise zu enttäuschen, die heftige Reaktionen auslöst, die eigentlich in keinem Verhältnis zum “Übergriff” stehen.

Ein Indiz dafür, dass kulturelle Erwartungen mit einem hohen affektiven Potential verbunden sind, was letztlich verständlich macht, warum manche Debatten in Foren oder Talkshows so schnell außer Kontrolle geraten.