Erziehungswissenschaften: Was ist „Standpunktpädagogik“?

Der Begriff „Standpunktpädagogik“ ist zunächst einfach die Übersetzung des englischsprachigen Begriffs „Standpoint Pedagogy“ ins Deutsche. Von „Standpoint Pedagogy“ ist in den englischsprachigen Ländern seit den 2000er-Jahren im Zusammenhang mit Pädagogik in und für die multikulturelle bzw. pluralistische Gesellschaft die Rede. Im Kern beinhaltet es die Idee, in die Pädagogik bzw. in den Lehr-Lern-Prozess die Wissensbestände, Erfahrungen und Standpunkte von Minderheitenangehörigen einzubringen oder sie gegenüber den dominierenden Wissensbeständen, Erfahrungen und Standpunkten zu privilegieren. Dabei geht es vor allem darum, ggf. unterschiedliche Wissensbestände bewusst zu machen, sie gleichermaßen im Unterricht zu berücksichtigen und zu überlegen, wie bestimmte Wissensbestände die Fragen, die wir stellen, und die Antworten, die wir geben, beeinflussen. Es heißt deshalb auch, dass im Zuge der „Standpoint Pedagogy“ um die Zentrierung minderheitenspezifischer Wissensbestände und Sinnstiftungsprozesse geht (Phillips 2011: 48-49). Als Minderheiten werden dabei gewöhnlich ethnische Minderheiten aufgefasst, und wo sie durch eine andere ethnische Gruppe kolonisiert wurden, wird die „Standpoint Ideology“ auch als „Indigenist Standpoint Ideology“ oder kurz ISP oder beispielsweise im australischen gesellschaftlichen Kontext als „Aboriginal Standpoint Pedagogy“ (Nakata 2007) bezeichnet.

Von ihren Vertretern wird „Standpoint Pedagogy“ meist nicht nur als theoretisch fruchtbare gegenseitige Bereicherung mit Bezug auf Wissensbestände und alternative Sichtweisen oder Interpretationen von Tatbeständen betrachtet, sondern als „… inherently political, reformative, relational and deeply personal approach located in this chaos of colonial interfaces …“ (Phillips 2011: 47), bei dem es vorrangig darum geht, Lücken und Auslassungen im westlichen Wissensbestand aufzudecken und die Frage zu stellen, was diese Lücken und Auslassungen warum unterschlagen. Die „Standpoint Pedagogy“ ist diesbezüglich der „Anti Racist Pedagogy“ als einer Pädagogik „… against white mystifications, and displacing white racial knowledge from its privileged position as the center of classroom discourse” (Leonardo 2009: 118) ähnlich sowie den sogenannten „Whiteness Studies“: sie alle laufen Gefahr laufen, sich in einer Art „White (male) bashing“ zu erschöpfen oder zumindest als solches wahrgenommen zu werden (s. z.B. Brown 2004) oder sich sogar in der Umschreibung der Geschichte zu üben, wobei sie ihrerseits mit Wissensbeständen sehr selektiv umgehen (müssen), um die angestrebte Gegendarstellung zur als dominant wahrgenommenen Darstellung zu produzieren (vgl. hierzu und mit Bezug auf die „Anti Racist Pedagogy“ Brandt 1989).

Der Begriff „Standortpädagogik“ wurde aber auch in der deutschsprachigen Pädaogik bereits um die Wende zum 20. Jahrhunderts und bis in die 1970er-Jahre verwendet, wobei er allerdings kein mehr oder weniger einheitliches Konzept bezeichnete, sondern von verschiedenen Autoren für Unterschiedliches verwendet wurde, u.a. für eine spezifisch „Soziologische Pädagogik“, die gemäß dem Handwörterbuch der Soziologie, herausgegeben von Alfred Vierkandt und erschienen im Jahr 1931, die Bedeutung der „… Vielfalt und Vielgestaltigkeit der „mikroskopisch-molekularen Vergesellschaftungsvorgänge” (591) für die Erziehung herausgearbeitet hat, oder für eine Pädagogik, die gar nicht anders kann als einem bestimmten weltanschaulichen Standpunkt verpflichtet zu sein und die so betrachtet normative Elemente enthält (s. z.B. Brezinka 1978).


Literatur:

Brandt, Godfrey L., 1989: The Realisation of Anti-Racist Teaching. Lewes: Falmer.

Brezinka, Wolfgang, 1978: Metatheorie der Erziehung: Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft, der Philosophie der Erziehung und der praktischen Pädagogik. München: Reinhardt.

Brown, Elinor L., 2004: What Precipitates Change in Cultural Diversity Awareness During a Multicultural Course: The Message or the Methode?
Journal of Teacher Education 55(4): 325-340.

Leonardo, Zeus, 2009: Race, Whiteness, and Education. New York: Routledge.

Nakata, Martin, 2007: Disciplining the Savages: Savaging the Disciplines. Canberra: Aboriginal Study Press.

Phillips, Donna Jean Maree, 2011: Resisting Contradictions: Non Indigenous Pre Service Teacher Responses to Critical Indigenous Studies. Thesis submitted in fulfilment of the requirements of the degree of Doctor of Philosophy. Centre for Learning Innovation, Faculty of Education, Queensland University of Technology.
https://eprints.qut.edu.au/46071/1/Donna_Phillips_Thesis.pdf [17.10.2017].

Vierkandt, Alfred (Hrsg.), 1931: Handwörterbuch der Soziologie. Stuttgart: F. Enke.