Sozialwissenschaften: Bewusst falsche Prognosen

Zuweilen findet man in wissenschaftlichen Publikationen unerwartet klare Aussagen darüber, wie Wissenschaft und ihr Leumund missbraucht und benutzt werden. Von Karl-Dieter Opp stammt die folgende Passage:

“Wir sind bisher davon ausgegangen, dass diejenigen, die eine Prognose treffen, das Ziel haben, das vorauszusagende Ereignis auch zutreffend zu prognostizieren. Dies ist aber keineswegs immer der Fall. Es ist denkbar, dass Personen, Unternehmen, staatliche Stellen oder andere Gruppen bzw. Organisationen bewußt eine falsche Prognose äußern, um dadurch Vorteile zu erhalten.

Ein Beispiel hierfür ist die Expo 2000 in Hannover. Offensichtlich waren bestimmte Personen – wie z.B. das Management der Expo, zu dem u.a. Birgit Breuel gehörte – daran interessiert, eine möglichst hohe Besucherzahl vorauszusagen, um vorweg Zuschüsse für den Aufbau der Expo zu erhalten. Nach Auskunft des Unternehmensberaters Roland Berger ist dieser von höchstens 52 Millionen Besuchern ausgegangen. Seine Prognose waren 26 Millionen Besucher (und ein Verlust von 1,6 Milliarden DM). Das Expo-Management fragte Berger, ob er 40 Millionen Besucher ausschließen könne. Da Berger dies natürlich nicht konnte, ging das Management der Expo von 40 Millionen Besuchern aus (…). In diesem Falle hätte nämlich die Expo ohne Verluste betrieben werden können, so dass keine staatlichen Zuschüsse erforderlich gewesen wären. Es ist bekannt, dass die Besucherzahl nur ca. 18 Millionen betrug und dass ca. 2,5 Milliarden DM betriebswissenschaftlicher Verlust gemacht wurde, der vom Steuerzahler getragen werden musste.

Wenn man bilanziert, wie häufig sozialwissenschaftliche Prognosen im allgemeinen zutreffen, dann muss man dabei berücksichtigen, dass ein Teil der fehlgeschlagenen Porgnosen bewusst falsch gestellt wurde. Wie viele dies sind, ist unbekannt.” (Opp, Methodologie der Sozialwissenschaften, S.88).