Sozialpsychologie: Kooperation

Ende der 1970er Jahre hatte Robert Axelrod die Idee, ein Computerturnier zu veranstalten. Teilnehmer waren Computerprogramme, deren Aufgabe darin bestand, zu kooperieren oder nicht zu kooperieren. Da Kooperation eine Interaktion zwischen mindestens zwei Menschen ist, ging es letztlich darum, die Bedingungen einer erfolgreichen Kooperation in Abhängigkeit von Reaktionen des Gegenüber zu bestimmen. Das Turnier hatte eine eindeutigen Gewinner: TIT-FOR-TAT von Anatol Rapoport. Das Programm war denkbar einfach. Es begann mit Kooperation und reagierte mit Kooperation, wenn das Gegenüber(programm) kooperierte, defektierte das Gegenüber, so defektierte auch TIT-FOR-TAT, und zwar so lange, bis das Gegenüber wieder kooperierte.

Die Ergebnisse des Turniers hat Axelrod wie folgt zusammengefasst:

“Die Entstehung, das Wachstum und die Aufrechterhaltung von Kooperation erfordern dennoch einige Annahmen über die Individuen und die soziale Situation. Zunächst muss ein Individuum in der Lage sein, einem anderen Spieler, mit dem es vorher zu tun hatte, wiederzuerkennen. Außerdem ist erforderlich, dass die frühere Geschichte der Interaktion mit diesem Spieler erinnert werden knn, damit der Spieler darauf reagieren kann. Diese Erfordernisse des Erkennens und Zurückrufenkönnens sind nicht so stark, wie sie erscheinen mögen. Sogar Bakterien können sie erfüllen, wenn sie mit nur einem anderen Organismus interagieren und eine Strategie (…) verwenden, die nur auf das kurz zurückliegende Verhalten des anderen Spielers reagiert. Wenn aber Bakterien an Spielen teilnehmen können, dann erst recht Menschen und Staaten.

Soll sich die Kooperation als stabil erweisen, dann muss der Schatten der Zukunft hinreichend groß sein. Das bedeutet, dass das Gewicht der nächsten Begegnung zweier Individuen groß genug sein muss, um Defektion für den Fall zu einer unprofitablen Strategie zu machen, dass der andere Spieler provozierbar ist. Es ist erforderlich, dass die Spieler sich mit einer ausreichend großen Chance wieder treffen werden und dass sie die Bedeutung ihres nächsten Treffens nicht zu stark diskontieren. Im Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs z.B. wurde Kooperation möglich gemacht durch die Tatsache, dass dieselben Einheiten auf beiden Seiten des Niemandslandes über lange Zeitperioden in Kontakt blieben, so dass die eine Seite im Falle der Verletzung der stillschweigenden Übereinkünfte durch die andere Seite gegen dieselbe Einheit Vergeltung üben konnte.

Schließlich verlangt die Evolution der Kooperation, dass erfolgreiche Strategien sich ausbreiten können und dass es eine Quelle für Variationen in den verwendeten Strategien gibt. Diese Mechanismen können das klassische Darwinsche Überleben der am besten Angepaßten und die Mutation sein, aber sie können auch eher bewußte Prozesse wie die Imitation erfolgreicher Verhaltensmuster und intelligent gestaltete neue strategische Ideen enthalten.

Damit Kooperation überhaupt in Gang gesetzt werden kann, ist eine weitere Bedingung erforderlich. Das Problem besteht darin, dass in einer Welt unbedingter Defektion kein vereinzeltes Individuum, das seine Kooperation anbietet, erfolgreich sein kann, solange nicht anderer in seienr Umgebung sind, die Gegenseitigkeit zeigen. Andererseits kann Kooperation ausgehend von kleinen Gruppen diskriminierender Individuen entstehen, solange diese Individuen nur zumindest einen kleinen Anteil ihrer Interaktionen miteinander unterhalten. Es muss also ein bestimmtes Maß an Gruppierung von Individuen geben, die Strategien mit zwei Eigenschaften verwenden: die Strategien werden zuerst kooperieren, und sie werden diskriminieren zwischen denjenigen, die auf Kooperation reagieren und denen, die es nicht tun” (Axelrod, Die Evolution der Kooperation, S.157-158.)