Kognitives Altern aus entwicklungspsychologischer Sicht

Für das kognitive Altern wie für das biologische Altern gilt, dass bislang über die Ursachen, die den Alterungsprozessen zugrunde liegen, nur relativ wenig bekannt ist, während inzwischen recht gut dokumentiert ist, welche Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit sich während des Alterungsprozesses beobachten lassen. Dokumentiert ist auch, dass diese Veränderungen nicht alle Menschen des gleichen Lebensalters in derselben Art und Weise oder im selben Ausmaß betreffen (s. z..B. Schaefer & Bäckman 2007). Man kann daher nicht sagen, dass das Lebensalter das kognitive Alter(n) determininiert. Aus entwicklungspsychologischer Sicht gibt es daher nicht einfach Alte oder Senioren, die notwendigerweise, nämlich aufgrund ihres Lebensalters, weniger kognitiv leistungsfähig sind als Menschen niedrigeren Lebensalters. Alter ist für Entwicklungspsychologen keine Angabe des Lebensalters und kein Zustand. Vielmehr betrachten sie Altern als einen Prozess, der strenggenommen mit der Geburt eines Organismus beginnt und selbst ein Bündel von Selektions-, Spezialisierungs-, Optimierungs-, Reduktions- oder Regressions- und Kompensationsprozessen ist (Baltes 1991: 837).

Die Frage ist, wie diese Prozesse verlaufen und welche Faktoren sie beeinflussen. Altern als ein fortschreitendes Lebensalter oder Wachstum der bereits zurückgelegten Lebensspanne gilt dabei selbst nicht als eine Ursache für Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Das Lebensalter bzw. die Lebenspanne ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nur eine Dimension, anhand derer sich Kausalzusammenhänge zwischen Variablen, die die kognitive Leistungsfähigkeit abbilden, und anderen Variablen, die die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflussen, beobachten lassen. Dementsprechend spricht man auch nicht von altersbedingten Veränderungen oder Unterschieden mit Bezug auf kognitive Leistungsfähigkeit, sondern von mit dem Lebensalter (bloß) verbunden Veränderungen oder im Englischen von „age-related changes/differences“ (Salthouse 2016: 29).

James E. Birren und V. Jayne Renner, die zu den Begründern der Gerontologie gehören, haben diese Sichtweise bereits im Jahr 1977 wie folgt auf den Punkt gebracht: „[A]ge must be approached in research as a variable that ultimately must be eliminated. That is, so long as age is used as the independent variable to array data, research remains at the descriptive state, despite the refined or experimental character of the data gathering process“ (Birren & Renner 1977: 26).

Literatur:

Baltes, Paul B. (1991): The Many Faces of Human Ageing: Toward a Psychological Culture of Old Age. Psychological Medicine 21(4): 837-854.

Birren, James E. & Renner, V. J. (1977): Research on the Psychology of Aging: Principles and Experimentation. In: Birren, James E. & Schaie, K. Warner (Hrsg.): Handbook of the Psychology of Aging. New York: Van Nostrand Reinhold, 3-38..

Salthouse, Timothy A. (2016[1991]): Theoretical Perspectives on Cognitive Aging. London: Routledge.

Schaefer, Sabine & Bäckman, Lars (2007): Normales und pathologisches Altern. In: Brandtstädter, Jochen & Lindenberger, Ulman (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Lebensspanne: Ein Lehrbuch. Stuttgart: W. Kohlhammer, 245-269.