Philosophie: Normalsatzpositionen

Angenommen wir beobachten, dass immer wenn A auftritt, folgt B nach – kann man dann schließen, dass B immer A nachfolgt? Die Antwort auf diese Frage, die in der Philosophie als Induktionsproblem bekannt ist, hat Hume gegeben: Ein klares Nein. Entsprechend war der naive Empirismus, dessen Vertreter geglaubt haben, man könne durch viele Einzelbeobachtungen Gesetze erschließen, zunächst einmal am Ende.

Die Folgen dieser Erkenntnis diskutiert Karl Raimund Popper in seinem Buch “Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie” unter dem Stichwort “Normalsatzpositionen”:

“Die Normalsatzpositionen des Induktivismus nehmen an, dass alle Wirklichkeitsaussagen ‘normale’ Sätze sind, dass sie entscheidbar wahr oder falsch sind. Es ist ‘für eine echte Aussage wesentlich’, sagt Schlick, ‘… dass sie prinzipiell endgültig verifizierbar oder falsifizierbar ist’. Wenn es überhaupt ‘streng allgemeine Wirklichkeitsaussagen’ gibt, so gilt das auch für sie.

Aber gibt es allgeime ‘Wirklichkeitsaussagen’? (Im Sinne strenger Allgemeinheit=

Der naive Induktivismus – vor Hume – bejaht die Existenz allgemeiner Wirklichkeitsaussagen ohne weiteres. Bacon glaubt an die inductio vera, an ein wissenschaftliches Verfahren, das prinzipiell im Stande ist, wahre allgemeingültige Gesetze durch methodische Verallgemeinerung aufzustellen. (…). Dieser Standpunkt ist es, gegen den sich Humes Argumentation eigentlich richtet. Er scheint mir durch Hume (trotz Mill) endgültig überwunden zu sein und wird deshalb in dieser Untersuchung auch nicht näher behandelt.

Durch Humes Argument sind innerhalb der Normalsatzpositionen nur mehr zwei Auffassungen logisch zulässig, da alle anderen Auffassungen dem unendlichen Regreß verfalen. Diese beiden noch zulässigen Auffassungen hat Kant in aller Schärfe folgendermaßen beschrieben:

‘Erfahrung gibt niemals ihren Quellen wahre oder strenge, sondern unr angenommene und komparative Allgemeinheit (durch Induktion), so dass es eigentlich heißen muss: so viel wir bisher wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme. … Wird also ein Urteil in strenger Allgemeinheit gedacht …, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori gültig.’

Diese beiden Sätze Kants formulieren die beiden innerhalb der ‘Normalsatzpositionen’ allein noch zulässigen Standpunkte: Entweder man steht auf einem konsequent empiristischen Standpunkt und lehnt jede Konzession an den Rationalismus ab – dann gibt es keine [als wahr erweisbare] allgemeinen Sätze, sondern nur zusammenfassende Berichte über Beobachtungen (…). Die sprachliche Form der Allgemeinheit ist bei diesen Sätzen nur eine ‘facon de parler’, eine bequeme Form des Berichtens. Den Standpunkt der die ‘allgemeinen’ Wahrheitsaussagen als zusammenfassende Berichte interpretiert, bezeichne ich als strengen Positivismus.

Oder man will die streng allgemeingültigen Wirklichkeitsaussagen retten – dann ist man gezwungen, dem Rationalismus die Existenz von synthetischen Urteilen a priori zu konzedieren; zum mindesten die apriorische geltung eines Induktionsprinzips (…). Das ist der Standpunkt des Apriorismus” (Popper, Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie, S.42-43).