Ethnologie: Schenken

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Schenken eigentlicht für eine Tätigkeit ist? Ist es eine Tätigkeit, in der ein Überlegener seinen Altruismus zum Ausdruck bringt oder seine Hegemonie? Ist es ein Akt reziproker Verpflichtung, weil Geschenke erwiedert werden müssen?

Der erste, der sich diese Fragen gestellt hat, ist Marcel Mauss gewesen. Seine Antworten hat Gerhard Schmied zum Anlass genommen, um eine umfangreiche Studie zum Thema “Schenken” durchzuführen. Wir zitieren aus Kapitel 2: “Zur Definition des Schenkerns”.

Was meint Schenken? Besitzt es tatsächlich – wie in den bisherigen Ausführungen mehr oder weniger implizit zum Ausdruck gekommen – stets die Aureole des Empathischen, Generösen, ja des Altruistischen? Ist es tatsächlich vom ‘normalen’ wirtschaftlichen Handeln zu trennen? Zumindest Mauss würde in beiden Punkten mit ‘Nein’ antworten.

Für ihn hat das Geschenk gegenüber dem Handel keinen Vorrang, in dem Sinne, dass in ihm der Egoismus überwunden ist: er glaubt nicht an das Einseitige, Großzügige, Freiwillige des Schenkens. Für ihn

‘finden Austausch und Verträge in Formen von Geschenken statt, die theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch, immer gegeben und erwidert werden müssen (…). Fast immmer nehmen sie die Form des Geschenks an, des großzügig dargebotenen Präsents, selbst dann, wenn die Geste, die die Übergabe begleitet, nur Fiktion, Formalismus und soziale Lüge ist und es im Grunde um Zwang und wirtschaftliche Interessen geht (S.18).

Mauss setzt das Geschenkverhalten mit dem Handel glcihe, wenn er schreibt:

‘Wir werden die Erscheinungsformen des Austausches und des Vertrags in diesen Gesellschaften beschreiben, die nicht, wie man behauptet hat, des wirtschaftlichen Handels ermangeln – denn der Handel ist ein menschliches Phänomen, das unserer Erachtens keiner uns bekannten Gesellschaft fremd ist -, deren Tauschsystem jedoch von dem unseren abweicht. Wir werden einen Handel kennenlernen, der schon vor der Institution des Händlers und dessen wichtigster Erfindung, der des Geldes im eigentliche SInn, existierte; wie er funktionierte, noch bevor die Formen, man kann sagen die moderen (semitischen, hellenischen und römischen) Formen des Vertrags entstanden sind.’

Solche Überlegungen lassen den französischen Philosophen Jacques Derrida feststellen: ‘Man könnte so weit gehen zu sagen, dass selbst ein so monumentales Buch wie der Essai sur le don von Marcel Mauss von allem möglichen spricht, nur nicht von Gabe, der essai handelt von der Ökonomie, dem Tausch und dem Vertrag (do, ut des), vom Überbieten, dem Opfer, der Gabe und der Gegengabe, kurz von allem, was aus der Sache heraus zur Gabe drängt und zugleich dazu, die Gabe zu annullieren’ (Falschgeld, S37). Dabei muss man Mauss allderdings insofern Recht widerfahren lassen, als in archaischen Gesellschaften Geschenkaustausch durchaus ökonomische Funktionen hatte, vor allem dann, wenn auf diese Weise begehrte, auf einem anderen Wege nicht beschaffbare Güter in den eigenen Besitz gelangen konnten” (Schmied, Schenken, S.27-27)

Und hier beginnt die Diskussion: Ist Schenken ein Akt des Altruismus oder ist es ein Austausch, ist Schenken immer freiwillig oder eine Verpflichtung? Moderne Gesellschaften scheinen diese Fragen beantwortet zu haben. Scheinen ist hier das operative Wort.