Migration: Gastarbeiter im Kaiserreich

Deutschland ist kein Einwanderungsland. Oder ist Deutschland doch ein Einwanderungsland. Die Frage, wann ein Land zu einem Einwanderungsland wird, also ab wie vielen Zuwanderern es zum Einwanderungsland wird, können wir zwar nicht beantworten, aber wir können historische Beispiele darstellen, die zeigen, dass Zuwanderung nach Deutschland keine Erfindung der Nachkriegszeit ist. Tatsächlich gab es sie bereits im Kaiserreich.

Der folgende Text entstammt dem Aufsatz “Einwanderungsprobleme im Auswandersungsland: das Beispiel der Ruhrpolen”, den Christoph Kleßmann zum von Klaus J. Bade herausgegebenen Sammelband “Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland” (erschienen bei CH Beck, 1993) beigetragen hat:

“Die erste Gruppe polnischer Arbeiter kam bereits kurz nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 aus dem preußischen Osten nach Bottrop – genauer: sie wurde gezielt angeworben. Die Bergbauindustrie benötigte Arbeitskräfte und schickte, nachdem die Reserven aus den umliegenden deutschen Regionen erschöpft waren, Werbeagenten nach Osten, zunächst vor allem nach Oberschlesien. In einer 1907 verfassten polnischen Lokalchronik des St.-Barabara-Vereins in Bottrop heißt es dazu: ‘Der erste derartige Agent kam nicht lange nach dem Krieg nach Oberschlesien. Er erreichte jedoch nicht viel, da er Deutscher und der polnischen Sprache nicht mächtig war. So brachte er nur etwa 25 Bergleute, hauptsächlich aus dem Kreise Rybnik, mit sich. Das war im Januar 1871. Sie alle wurden in einem neu erbauten Hause, der sogenannten Menage, untergebracht. Dort erhielten sie Unterkunft, Mittag- und Abendbrot, wofür ihnen täglich 60 Pfennig vom Lohn einbehalten wurden.
Bottrop blieb ein Zentrum polnischer Zuwanderung vor allem aus Oberschlesien. Nachdem die Folgen der schweren ökonomischen Krise des ‘Gründerkrachs’ von 1873 überwunden waren, floss seit dem Ende der 1880er Jahre ein Strom von deutschen und polnischen Arbeitern aus dem Osten ins rheinisch-westfälische Industriegebiet.
[…]
Der Zuwandererstrom riß bis zum Ersten Weltkrieg nicht ab und umfasste neben Bergarbeitern aus Oberschlesien bald auch immer mehr Landarbeiter aus den agrarischen Provinzen Ostpreußen, Westpreußen und Posen. Der Druck der ländlichen Überbevölkerung im Osten undd er Sog der Schwerindustrie, die Arbeitskräfte brauchte und vergleichsweise hohe Löhne zahlte, lösten so einen großen Binnenwanderungsprozess aus, der zu tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebungen zwischen Ost und West führte.
[…]
Die Zahl der fremdsprachigen Zuwanderer lag vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bei 350000-500000. Die Ungenauigkeit dieser Angabe ist darauf zurückzuführen, dass sich die Polen nicht exakt von den rd. 150.000 Masuren (aus dem südlichen Ostpreußen) trennen lassen, die nicht insgesamt ohne weiteres zu den Polen gerechnet werden können, wie es heutige polnische Historiker tun. Denn die Masuren sprachen einen altpolnischen Dialekt, sie waren im Gegensatz zu den meisten Polen evangelisch und vor allem ganz und gar preußisch und monarchisch gesinnt” (303-305)