Kulturanthropologie: Staatssozialismus

Kulturanthropologie oder Ethnologie zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie ihren Blick auf Kultur, fremde Kultur bzw. andere Kulturentwürfe richten, sie zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie zuweilen einen verfremdeten Blick auf die eigene Kultur richten und auf diese Weise Selbstverständlichkeiten hinterfragen, zuweilen mit überraschenden Ergebnissen.

Ein Beispiel findet sich bei Marvin Harris:

Staatssozialismus
Obwohl Amerikaner meinen die USA seien ein kapitalistisches Land, wird das Wirtschaftssystem der Vereinigten Staaten am besten als eine Mischung aus quasi sozialistischen Staatsunternehmen und kapitalistischen Unternehmen charakterisiert. Ungefähr 16 Millionen Bechäftigte arbeiten bei bundesstaatlichen, staatlichen und örtlichen Regierungsbehörden. Weitere 35 MIllionen sind überwiegend von staatlichen Sozialversicherungsleistungen abhängig. Weitere 2,5 Millionen Menschen beziehen irgendeine Form örtlicher, staatlicher oder bundesstaatlicher Altersversorgung. Wohlfahrtsleistungen in Form von Zuschüssen für abhängige Kinder, Haushaltsbeihilfen und Behindertenunterstützung unterhalten etwa 14 Millionen Menschen. Zwei Millionen Menschen sind bei den Streitkräften beschäftigt. Dann gibt es schätzungsweise sechs Millionen Menschen, deren Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft davon abhnängig ist, dass die Regierung Militärausrüstung kauft, Bauvorhaben durchführt, kurz vor dem Bankrott stehenden Unternehmen ‘Rettungs’-Darlehen gibt und ähnliche Formen der Unterstützung gewährt. Rechnet man die von diesen Arbeitskräften abhängigen Personen dazu, dann beträgt die Zahl der zu dieser Kategorie gehörenden Menschen insgesamt wenigstens 10 Millionen. Nach vorsichtiger Schätzung sind also über 80 Millionen US-Bürger von der Umverteilung der Steuergelder abhängig und keineswegs an den Gewinnen freier kapitalistischer Unternehmen beteiligt. Die Aussage, die USA seien nach China und der Sowjetunion der drittgrößte ‘sozialistische’ Staat. enthält deshalb ein Körnchen Wahrheit” (Marvin Harris, Kulturanthropologie, S.398-399).