Philosophie: Scholastik

Eines der kurzweiligsten Philosophiebücher ist das rund 900 Seiten starke Werk: Philosophie des Abendlandes von Bertrand Russell. In diesem Buch kombiniert Russell in unnachahmlicher Weise Geschichte und Philosophie und schafft es damit, die philosophischen Schulen, Streits und Entwicklungen in einen zeitlichen Kontext zu stellen, der sie fast zum Leben erweckt. Ein Beispiel ist die Scholastik, jener Stoff, aus dem die Langeweile wie gemacht zu sein scheint. Nicht so bei Russell:

“Die Scholastik im engeren Sinne beginnt früh im zwölften Jahrhundert. Als philosophische Schule weist sie ganz bestimmte Charakteristika auf. Zunächst hält sie sich in den Grenzen dessen, was dem jeweiligen Autor als rechtsgläubig gilt; verdammt ein Konzil seine Ansichten, so ist er gewöhnlich bereit zu widerrufen. Das braucht man durchaus nicht nur als Feigheit auszulegen, es entspricht vielmehr dem Fall eines Richetrs, der sich der Entscheidung eiens Appellationsgerichtes unterwirft. Dann wird im Rahmen der Orthodoxie Aristoteles, der im zwölften und dreizehnten Jahrhundert allmählich immer bekannter wurde, in zunehmendem Maße als höchste Autorität anerkannt; Plato steht jetzt nicht mehr an erster Stelle. Drittens hält man sehr viel von der ‘Dialektik’ und von syllogistischen Schlüssen; die Scholastiker haben im allgemeinen etwas Pedantisches und Streitsüchtiges, nichts Mystisches. Viertens kommt der Universalienstreit durch die Entdeckung zum Ausbruch, dass Plato und Aristoteles in dieser Frage nicht übereinstimmten; daraus darf man jedoch nicht schließen, dass sich die Philosophen in dieser Epoche vornehmlich mit den Universalien beschäftigten.

Unter anderem ist das zwölfte Jahrhundert auch auf diesem Gebiet die Vorbereitung für das dreizehnte, dem die größten Namen angehören. Als Wegbereiter sind jedoch auch die früheren Männer interessant. Es herrscht ein neues, intellektuelles Selbstvertrauen; ungeachtet allen Respekts vor Aristoteles macht man ungebundenen und nachhaltigen Gebrauch von der Vernunft, soweit das Dogma jedes Spekulieren nicht zu gefährlich erscheinen lässt. Die Mängel der scholastischen Methode sind jene Fehler, die unweigerlich entstehen, wenn besonderes Gewicht auf ‘Dialektik’ gelegt wird, nämlich: Gleichgültigkeit gegenüber den Tatsachen und der Wissenschaft, Glaube an die vernunftgemäße Beurteilung von Fragen, die nur die Beobachtung entscheiden kann, und unangemessenes Betonen von wörtlichen Unterschieden und Subtilitäten. Diese Fehler zu erwähnen hatten wir schon bei Plato Gelegenheit; bei den Scholastiker jedoch finden wir sie in noch weit ausgeprägterer Form (Russell, Philosophie des Abendlandes, S.446).