Grundbegriffe: Macht

Die Bedeutung von Begriffen der Soziologie oder der Politikwissenschaft sucht mach normalerweise in entsprechenden Wörterbüchern, z.B. in dem von Hillmann herausgegebenen Wörterbuch der Soziologie. Zuweilen finden sich Definitionen wissenschaftlicher Begriffe in Büchern, in denen man sie gar nicht erwartet hätte, z.B. in Stefan Hradils Buch “Soziale Ungleichheit in Deutschland”.

“Weit verbreitet in der sozialwissenschaftlichen Literatur ist die Bezugnahme auf die Definition Max Webers. Hiernach ist Macht ‘die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht” (1980, 38). Im folgenden wird diese Begriffsbestimmung zugrundegelegt und teilweise noch erweitert, um sozialstrukturellen Machterscheinungen gerecht zu werden. Neben der von Max Weber einbezogenen willentlichen, direkten und persönlichen Macht sollen auch bestimmte ungewollte Effekte (z.B. als bedrohend aufgefasste und mit Fügsamkeit beantwortete Aktivitäten), Formen indirekter Macht (z.B. in globalen Wirtschaftsgefügen) und beispielsweise per Rechtsordnung wirkende unpersönliche ‘strukturelle Gewalt’ (Galtung 1975) berücksichtigt werden. Eine diese Phänomene einschließende Definition der Macht könnte so lauten: ‘Macht soll jede wesentliche Beeinflussung heißen, die ein Bestandteil der Gesellschaft über einen anderen ausübt bzw. ausüben kann, ohne dass dieser in der Lage ist, sich der Einwirkung zu entziehen”. (Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, S.258)

Die Verpflichtung, Steuern zu zahlen, ist dieser Definition ebenso eine Form der Ausübung von Macht wie die Straßenverkehrsordnung, was die Beschränktheit der Definition von Hradil deutlich macht, denn es fehlt das von Max Weber hervorgehobene willentliche Element: Macht erfordert, dass andere gegen ihren eigenen Willen handeln müssen.