Soziologie: Was ist Soziologie (nicht)?

Peter L. Berger ist am 27. Juni diesen Jahres verstorben.
Wir bringen ihm einen kleinen Tribut aus einer seiner weniger bekannten Schriften: “Einladung zur Soziologie”. Wer den Anfang des Büchleins liest, weiß, warum es nicht so bekannt ist.

“Witze über Soziologen sind spärlich gesät. Eine solche Geringschätzung muss der Soziologe besonders empfinden, sobald er an seinen begünstigteren Vetter im zweiten Glied, den Psychologen denkt, dem eine ziemliche Portion jenes Humors zugefallen ist, dessen Zielscheibe ehedem der geistliche Stand war.
[…]
… vielleicht beweist der Mangel an Soziologiewitzen auch, dass die gängigen Vorstellungen vom Soziologen nicht eben klar, geschweige denn eindeutig sind. So ist es vielleicht kein überflüssiges Vorspiel zu den kommenden Überlegungen, wenn wir uns diese Vorstellungen zunächst einmal näher ansehen.

Fragt man jüngere Semester, warum sie Soziologie im Hauptfach studieren, bekommt man oft zu hören: ‘Ich möchte mit Menschen zu tun haben’. Erkundigt man sich nach etwas deutlicheren Zukunftsplänen, so handelt es sich dabei häufig shclicht um soziale Berufe. Wir kommen gleich darauf zurück. Manche Antworten sind noch viel unbestimmter und farbloser. Alle aber verraten, dass es den jungen Leuten eher um die Menschen als um die Sachen geht. Als Betätigungsfelder nenen sie: Öffentliche und private Fürsorge, Personalberatung der Öffentlichkeitsarbeit in Wirtschaft, Verwaltung, Politik, Werbung und Reklame, Siedlungs- und Kultur-Planung in den Gemeinden, Nachbarschaftshile und Laienhilfe in den Religionsgemeinschaftn. Fast alle glauben, dass man auf so ausgetretenen Pfaden der humanitären Mühsal ‘etwas für die Menschen tun’, ‘den Menschen helfen’ und ‘zum Wohle der Allgemeinheit’ wirken kann. Was hier als Vorstellung von der Soziologie zu Grunde liegt, ist gewissermaßen eine säkularisierte Wiederkehr der liberalen protestantischen Seelsorge, wobei der CVJM das Vorbild für das Gemisch aus geistlicher und weltlicher Lebenshilfe abgegeben haben mag. Die Soziologie erscheint als eine zeitgerechte Variation zum klassischen amerikanischen Thema des ‘Uplilft’ in jedem Sinne, der Verbesserung und Erbauung sowie des gesellschaftlichen Aufstiegs. Un dden Soziologen hält man für berufen, namens und zum Wohle des einzelnen und der Gesellschaft zu wirken.

Über die bittere Enttäuschung, die so viel Edelmnut erwarten, müsste endlich ein großer amerikanischer Gesellschaftsroman geschrieben werden. Denn das Los des jugendlichen Menschenfreundes auf dem Schlachtfeld der Realitäten ist wahrlich von epischem Ausmaß. Als der Parteigänger ‘des Menschen’ schlägt er sich auf der einen Seite der rigoros gezogenen Fronten. Er entdeckt, dass die ihm zugedachte Öffentlichkeitsarbeit unter Kennern das ‘Abrichten des Stimmvieh’ genannt wird. Als Siedlungsplaner geht er zunächst durch eine erbarmungslose Lehre in den Praktiken von Grundstücksmaklern. Wir beklagen zwar den Verlust seiner Unschuld, müssen aber doch darauf hinweisen, dass er offenbar einer unter anderen falschen Vorstellung vom Beruf des Soziologen auf den Leim gegangen ist.

Natürlich stimmt es, dass sich bei den Soziologen ein paar Jugendbewegte herumtummeln, und selbstverständlich ist Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen ein privates Motiv für das Soziologiestudium. Aber Menschenfeindlichkeit tut denselben Dienst, denn soziologische Erkenntnisse nützen jedem, der ein Interesse an sozialem Handeln hat. Man darf soziales Handeln eben nicht mit Humanität verwechseln” (Berger; Einladung zur Soziologie, S.11-12.)