Literaturwissenschaft: Theorie des Erzählens

Die Mittelbarkeit ist ein zentrales Konzept der Erzähltheorie, denn eine Erzählung benötigt einen Erzählern, einen Mittler zwischen Geschichte und Publikum. In einer Anlehnung an Kant könnte man den Mittler der Erzählung als denjenigen bezeichnen, der die uns die Welt, nicht wie sie ist, darstellt, sondern so, wie sie durch seinen betrachtenden Geist erscheint. Dadurch wird nicht nur eine Trennung in Erzähl-Subjekt und Erzähl-Objekt geleistet, sondern auch die Frage virulent, welches Wissen dem Erzähler über sein Erzähl-Objekt zukommt. Dies leitet über zum Konzept der Erzählsituation.

“Die typischen Erzählsituationen (ES) sind zu allererst als grobe Beschreibungen der drei grundsätzlichen Möglichkeiten, die Mittelbarkeit des Erzählens zu gestalten, zu verstehen. Für die Ich-ES ist kennzeichnend, dass die Mittelbarkeit des Erzählens íhren Ort ganz in der fiktionalen Welt der Romanfiguren hat: der Mittler, das ist der Ich-Erzähler, ist ebenso ein Charakter dieser Welt wie die anderen Charaktere des Romans. Es besteht volle Identität zwischen der Welt der Charaktere und der Welt des Erzählers. … Für die auktoriale ES ist charakteristisch, dass der Erzähler außerhalb der Welt der Charaktere steht; seine Welt ist durch eine ontische Grenze von jener der Charaktere getrennt. Der Vermittlungsvorgang erfolgt daher aus der Position der Außenperspektive, was weitreichende Konsequenzen für die Interpretation des so Erzählten im Vergleich zu einer Ich-Erzählung hat. In einer personalen ES schließlich, tritt an die Stelle des vermittelnden Erzählers ein Reflektor. Eine Romanfigur, die denkt, fühlt, wahrnimmt, aber nicht wie ein Erzähler zum Leser spricht. Hier blickt der Leser mit den Augen dieser Reflekorfigure auf die anderen Charaktere der Erzählung. Weil nicht ‘erzählt’ wird, entsteht in diesem Fall der Eindruck der Unmittelbarkeit der Darstellung. Die Überlagerung der Mittelbarkeit durch die Illusion der Unmittelbarkeit ist demnach das auszeichnende Merkmal der personalen ES” (Stanzel, Theorie des Erzählens, S.15.16)