Soziale Probleme: Armut

Armut ist ein Thema der Sozialwissenschaften, das nicht erst in den letzten Jahren entdeckt wurde. Tatsächlich haben sich Generationen von Sozialwissenschaftlern damit beschäftigt, die Ursachen von Armut zu erforschen und nach Möglichkeit auch zu erklären. Dabei sind im Wesentlichen zwei Theoriestränge herausgekommen: Theorien, die die Ursache der Armut bei/in Armen suchen, und Theorien, die die Ursache von Armut der Gesellschaft anlasten. Die Idee, dass die Wahrheit in der Mitte liegen könnte, ist unter denen, die Armut erklären, eher nicht verbreitet.

Theorien, die die Ursachen für Armut bei den Armen selber suchen, rekurrieren z.B. auf biologische Faktoren. So hat Richard Herrnstein eine Theorie der biologischen Vererbung aufgestellt, die letztlich darauf beruht, dass Menschen mit höherem Intelligenzquotionten unter ihresgleichen heiraten und sich mit ihresgleichen fortpflanzen. Da sie, wegen ihrer höheren Intelligenz auch erfolgreicher im Beruf sind, bildet sich auf diese Weise ein soziale Struktur der Erfolgreichen und Reichen, die von den Armen getrennt ist. Die Theorie ist etwas krude.

Die Erklärung über kulturelle Unterlegenheit, die u.a. von Edward Banfield vorgebracht wurde, stellt Passungsprobleme, Unterschiede in Werten und Lebensstilen zwischen Armen und Reichen in den Mittelpunkt der Erklärung und macht diese für die unterschiedliche Verteilung von Reichtum verantwortlich. Kulturelle Muster, die eine erfolgreiche Teilhabe in der Gesellschaft ermöglichen, werden intergenerational weitergegeben, so dass die Sozialstruktur sich als stabil, die Trennung zwischen Arm und Reich als dauerhaft erweist.

Schließlich führen strukturelle Theorien eine ganze Reihe gesellschaftlicher Ursachen für die Trennung in Arm und Reich an: Institutionelle Diskriminierung, z.B. darüber, dass nepotistische Netzwerke über die Vergabe der guten Jobs wachen und Außenseiter draußen halten oder die Ausgestaltung der politischen Ökonomie, die Arme in Armut hält, nur wenigen über außergewöhnliche Wege wie z.B. den eines Spitzensportlers einen Ausweg aus der Armut lässt, sind eine weitere Erklärungsvariante struktureller Theorien.

Gemeinsam ist allen dargestellten Varianten, dass sie deterministisch sind und letztlich an der Erklärung von Wandel und von sozialem Aufstieg scheitern bzw. diejenigen, die einen theoretisch nicht vorgesehenen Ausweg aus der Armut gefunden haben, als Anomalie ansehen müssen, die mit der jeweiligen Theorie nicht vereinbar ist. Letztlich unterschätzen alle Theorien die Fähigkeit von Individuen, das eigene Leben nach eigenem Willen zu gestalten und machen die Akteure zu Sklaven ihrer Biologie, ihrer Kultur oder ihrer Sozialstruktur.