Durkheim: Soziologische Tatbestände

Die Soziologie, so hat sie Emile Durkheim definiert, ist die Wissenschaft der soziologischen Tatbestände. Die Erklärung und das Verstehen soziologischer Tatbestände ist entsprechend die Aufgabe, deren sich die Soziologie widmen muss.

Nun stellt sich die Frage, was unter einem soziologischen Tatbestand zu verstehen ist bzw. wie Durkheim “soziologische Tatbestände” definiert.

Er tut dies in seiner Monographie “Die Regeln der soziologischen Methode” wie folgt:

“Wären freilich die Erscheinungen der morphologischen Ordnung die einzigen, die eine solche Beharrlichkeit zeigten, so könnte man glauben, dass sie eine Art für sich bilden. Aber eine rechtliche Norm ist eine nicht minder dauerhafte Einrichtung wie ein architektonischer Typus, obwohl es sich um eine physiologische Tatsache handelt. Eine einfache moralische Maxime ist sicherlich eher schmiegsam. Und doch hat sie starrere Formen als etwa eine Berufssitte oder eine Mode. So gibt es eine ganze Skala von Abstufungen, die in Form eines Kontinuums von den ausgesprochen strukturierten Tatbeständen zu den freien Strömungen des sozialen Lebens reichen, die noch in keine feste Form eingegangen sind. Es gibt also zwischen ihnen nur Gradunterschiede der Konsolidierung. Die einen wie die anderen sind nur mehr oder weniger kristallisiertes Leben. Zweifelsohne können Gründe dafür sprechen, die Bezeichnung morphologisch jenen soziologischen Tatbeständen vorzu behalten, die das Substrat der Gesellschaft betreffen; doch darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass sie ihrer Natur nach den anderen gleichen. Unsere Definition wird also weit genug sein, wenn sie sagt: Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt.”