Bildungsforschung: Das Konzept vom idealen Schüler

Das Konzept vom idealen Schüler („ideal pupil“) wurde von dem amerikanischen Soziologen Howard Saul Becker im Rahmen seiner Doktorarbeit entwickelt und im Jahr 1952 in Form eines Artikels in der Fachzeitschrift „Journal of Educational Sociology“ einer breiten Leserschaft vorgestellt.

In seiner Doktorarbeit untersuchte Becker, wie 60 Lehrkräfte in Chicago ihre Schüler in Abhängigkeit der sozialen Schichtzugehörigkeit eines Schüler wahrnahmen und wie diese Wahrnehmung den Umgang der Lehrkräfte mit ihren Schülern prägte. Beispielsweise beobachtete Becker, dass die Lehrkräfte von Schülern, die der Arbeiterschicht angehörten, mehr Störungen im Unterricht erwarteten, weil sie diesen Schülern schlechte Umgangsformen zuschrieben, und weniger gute Leistungen von ihnen erwarteten, u.a. weil diese Schüler nicht „die richtigen Lerngewohnheiten“ („right kind of study habits“; Becker 1952: 454) hätten.

Vor dem Hintergrund, dass Lehrkräfte den Erfolg ihres Unterrichts an der Lernfreudigkeit, dem Engagement im Unterricht und dem Lernerfolg der Schüler messen, sind Schüler, die – in der Wahrnehmung der Lehrkräfte und aus welchen Gründen auch immer – im Unterricht unaufmerksam sind, sich relativ wenig am Unterricht beteiligen oder mittelmäßige oder schlechte Testleistungen zeigen, keine idealen Schüler für Lehrkräfte. Ideale Schüler sind für Lehrkräfte solche, die es Lehrkräften ermöglichen, ihren täglichen Schulunterricht ohne Störungen oder Probleme und mit möglichst wenig Aufwand bei möglichst großer Lernfreude und möglichst großem Lernerfolg der Schüler durchzuführen.

Becker zitiert eine von ihm befragte Lehrerin mit den folgenden Worten:

„In a neighborhood like this there’s something about the children, you just feel like you’re accomplishing so much more. You throw an idea out and you can see that it takes hold. The children know what you’re talking about and they think about it. Then they come in with projects and pictures and additional information, and it just makes you feel good to see it. They go places and see things, and they know what you’re talking about. For instance, you might be teaching social studies or geography…. You bring something up and a child says, “Oh, my parents took me to see that in the museum.” You can just do more with material like that” (Becker 1952: 454).

Und Becker merkt hierzu an:

„ In short, the differences between groups make it possible for the teacher to feel successful at her job only with the top group; with the other groups she feels, in greater or lesser measure, that she has failed” (Becker 1952: 455).

In Beckers Studie waren für die Lehrkräfte also nur Schüler aus der oberen Mittelschicht „ideale Schüler“.

Beckers Konzept vom „idealen Schüler“ besteht also nicht in einer Zusammenstellung der Merkmale, die ein Schüler (oder seine Familie) haben oder entwickeln muss, um am Lernen Freude zu haben und in der Schule erfolgreich zu sein. Vielmehr beschreibt das Konzept die von Lehrkräften wahrgenommene (und gewünschte) Passung zwischen ihnen als Repräsentanten einer Berufsgruppe und ihren Kunden oder Klienten, den Schülern. Das Konzept des „idealen Schülers“ ist deshalb vielleicht am besten als ein arbeitspsychologisches Konzept beschrieben. Es macht nicht Aussagen über Eigenschaften von Schülern und Zusammenhänge dieser Eigenschaften mit Lernfreude oder Schulerfolg, sondern über die Zuschreibungen von Eigenschaften an Schüler durch Lehrkräfte und einen dementsprechenden differenziellen Umgang von Lehrkräften mit verschiedenen Schülern.

Das bedeutet nicht, dass das Konzept für die Bildungsforschung unwichtig wäre; im Gegenteil: in einer Zeit, in der Schulerfolg nahezu ausschließlich durch Eigenschaften und Verhaltensweisen von Schülern und ihren Familien erklärt werden soll, wäre es besonders wichtig, das tägliche Unterrichtsgeschehen wieder als ein Ergebnis der Interaktion zwischen Lehrkräften und Schülern in den Blick zu nehmen, das (auch) geprägt ist vom Verhalten von Lehrkräften aufgrund ihrer Wahrnehmungen, ihrer Werte, Einstellungen und speziell ihrer beruflichen Ziele und ihrer Berufsidentität.

Insofern wäre das Konzept vom „idealen Schüler“ geeignet, einen blinden Fleck in der derzeit üblichen Bildungsforschung zu erhellen und damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung über Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeit im Bildungssystem zu erbringen.

Leider wird das Konzept, wenn es in neuerer Zeit überhaupt verwendet wird, häufig aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst oder zweckentfremdet, z.B. dann, wenn Amelia Hempel-Jorgensen (2009) statt die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Lehrkräfte mit Bezug auf die soziale Herkunft ihrer Schüler zu erfragen oder zu beobachten, (nur) die Wahrnehmungen der Schüler mit Bezug auf die von ihnen vermuteten Wünsche, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Lehrkräfte erfragt und das Konzept des „idealen Schülers“ in Verbindung bringt mit „learner identities“ der Schüler. Lehrkräfte werden in Hempel-Jorgensens Studie überhaupt nicht in den Blick genommmen; vielmehr ist davon die Rede, „...why a school [!] employs pedagogical practice …“ (Hempel-Jorgensen 2009: 446; Hervorhebung im Original), und ihre Antwort auf diese Farge stellt die Autorin in den Dienst ihrer Kritik an einer „neo-liberal education policy“ und „testing culture“.

Literatur:
Becker, Howard, 1952: Social-Class Variations in the Teacher-Pupil Relationship. Journal of Educational Sociology 25(8): 451-465.

Hempel-Jorgensen, Amelia, 2009: The Construction of the ‘Ideal Pupil’ and Pupils’ Perceptions of ‘Misbehaviour’ and Discipline: Contrasting Experiences from a Low‐Socio‐Economic and a High‐Socio‐Economic Primary School. British Journal of Sociology of Education 30(4): 435-448.

Herzlich Willkommen bei Ghostwriter-24!

Ghostwriter-24 ist ein besonderer Ghostwriter.

Alle Mitarbeiter von Ghostwriter-24 sind seit Jahren als Ghostwriter aktiv.

Wir sind Profis mit entsprechender Expertise.

Ca. 70% unserer Kunden kommen durch Empfehlungen zu uns

oder sind Stammkunden.

Bei Ghostwriter-24 haben Sie direkten Kontakt mit Ihrem Autor, kein Mittelsmann erschwert die Kommunikation.

Kontaktieren Sie uns, um die Vorteile von Ghostwriter-24 zu nutzen.

Einen Überblick über unser Leistungsangebot erhalten Sie hier oder

wenn Sie in unserem Blog vorbeischauen und die Breite der Themen,

die wir bearbeiten, genießen!