Kriminologie: Delinquenz als erlerntes Verhalten

Die Frage, warum sich Menschen kriminell (delinquent) verhalten, beschäftigt Sozialwissenschaftler seit Jahrhunderten. Eine der Antworten, die – obwohl schon mehrere Jahrzehnte alt – immer noch aktuell ist, ist die Theorie der Differentiellen Assoziation von Edwin Sutherland. Sutherland ist der Ansicht, dass delinquentes Verhalten erlerntes Verhalten ist. Seine Lerntheorie des delinquenten Verhaltens fasst er in neun Thesen zusammen:

  1. Kriminelles Verhalten ist erlernt. Es erfordert Übung und ist somit nicht vererbt.
  2. Kriminelles Verhalten wird in Interaktion gelernt, durch Kommunikation mit anderen.
  3. Kriminelles Verhalten wird hauptsächlich in intimen persönlichen Gruppen gelernt. Medien und andere Informationsquellen spielen eine vergleichsweise geringe Rolle.
  4. Das Erlernen krimineller Verhaltensweisen umfasst die Techniken der Ausführung krimineller Handlungen und die spezifische Richtung von Motiven, Rationalisierungen und Einstellungen.
  5. Die spezifische Richtung von Motiven wird dadurch gelernt, dass Gesetze positiv oder negativ bewertet werden.
  6. Wenn Einstellungen, die delinquentes Verhalten begünstigen, Einstellungen, die delinquentes Verhalten hemmen, überwiegen, wird sich eine Person delinquent verhalten.
  7. Differentielle Kontakte, also Kontakte mit Proponenten delinquenten und mit Proponenten nicht-delinquenten Verhaltens variieren nach Dauer, Priorität, Häufigkeit und Intensität.
  8. Das Erlernen delinquenten Verhaltens ist ein Lernprozess, der sich von anderen Lernprofzessen nicht unterscheidet.
  9. “Obwohl delinquentes Verhalten ein Ausdruck genereller Bedürfnisse und Werte ist, wird es nicht durch diese generellen Bedürfnisse und Werte erklärt, da nicht-delinquentes Verhalten Ausdruck eben derselben Bedürfnisse und Werte ist” (Sutherland, Theorie der Differenziellen Assoziation, S.398).