Taguieff: Rassismus als Ideologie

In der “Macht des Vorurteils” entwickelt Pierre-André Taguieff u.a. eine detaillierte Konzeptionalisierung von Rassismus, u.a. als Ideologie. In Zeiten, in denen jeder das Wort “Rassismus” im Mund führt, und nur die wenigsten genau angeben können, was sie mit Rassismus eigentlich meinen, ist es sinnvoll, an die Bedeutung eines wissenschaftlichen Konzepts zu erinnern, das in keiner Weise eindimensional ist, denn auch für Taguieff ist “Rassismus als Ideologie” nur eine der Bestimmungen von Rassismus:

“Der Rassismus bezeichnet hier stricto sensu ‘die Doktrin, nach der das verhalten eines Individuums bestimmt wird von vererbten Eigenschaften [ständige ererbte Züge], die rassisch getrennten Stämmen mit verschiedenen Attributen zugeordnet werden und von denen man im allgemeinen annimmt, dass zwischen ihnen eine Beziehung der Überlegenheit oder Minderwertigkeit besteht.

Der Rassismus wird so als theoretisches Elaborat definiert, das aus drei Hauptelementen besteht, denen drei verschiedene und korrelierende Thesen entsprechen:

a) die Behauptung des biologischen (oder genetischen) Determinismus des menschlichen Verhaltens;

b) die Behauptung der Bestimmung des Verhaltens (auf psychologischer, soziologischer und kultureller Ebene) durch die Vererbung entsprechend ‘rassischer’ Stämme oder Linien: Postulat der biophysischen Vererbung oder der biologisch-kulturellen Differenzierung;

c) die Behauptung, dass die Unterschiede zwischen rassisch definierten Gruppen als Beziehung der Überlegenheit und Minderwertigkeit interpretiert werden müssen, d.h. asl Beziehung der Ungleichheit. Dies ist in der regel die allgemeine Meinung des antirassistischen Vulgats: Der Rassismus ist der Gedanke, dass Rassen von Natur aus in jeder Hinsicht oder zumindest in bedeutenden Aspekten ungleich sind. (Taguieff, Die Macht des Vorurteils, S.216).