Soziologie: Das Thomas Theorem

Das in der Soziologie sehr bekannte und für die Soziologie sehr bedeutsame Thomas-Theorem wurde im Jahr 1928 von William Isaac Thomas und Dorothy Swaine Thomas formuliert. Es lautet: „If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas & Thomas 1928: 572), oder frei ins Deutsche übertragen: Wenn Menschen Situationen oder Sachverhalte als real betrachten, dann haben diese Situationen oder Sachverhalte reale Konsequenzen.

Das Beispiel, das Thomas und Thomas zur Illustration dieses Sachverhaltes angeben, ist das eines Gefängniswärters, der einen Gefangenen zur Erledigung einer bestimmten Angelegenheit nicht das Gefängnis verlassen lassen wollte, weil dieser Mann mehrere Menschen ermordet hatte, die er nicht kannte und die ihm nichts getan hatten, aber die Angewohnheit hatten, mit sich selbst zu sprechen. Der Mann hatte diese Menschen auf der Strasse mit sich selbst sprechen sehen, aber nicht verstanden, was sie sagten, und sich eingebildet, sie hätten abfällig über ihn gesprochen oder ihn mit Schimpfnamen belegt (Thomas & Thomas 1928: 572).

Sicher sind Thomas und Thomas nicht die ersten oder einzigen gewesen, die beobachtet haben, dass sozialen Phänomenen nicht Tatsachen oder Handlungen, sondern Betrachtungsweisen von Phänomenen und Interpretationen von Handlungen, zugrundeliegen. Merton (1995: 382) weist daraufhin, dass schon Epictetus im alten Griechenland Entsprechendes geschrieben hat. Wichtiger als die Frage, wer zuerst diese Beobachtung gemacht hat und unter welcher Bezeichnung sie bekannt ist oder sein sollte, ist aber, dass Sozialwissenschaftler das Theorem als solches kennen.