Soziologie: Die normative Konstruktion von Gesellschaft

Einer der soziologischen Klassiker, die zwischenzeitlich fast vollständig in Vergessenheit geraten sind, ist Heinrich Popitz. Zu den Klassikern, die Popitz im Verlauf seiner soziologischen Schaffensperiode verfasst hat, gehört das kleine Brevier “Die normative Konstruktion von Gesellschaft”. Darin stellt er drei Prinzipien auf, die in jeder Gesellschaft vorhanden sind und somit universelle Grundlagen der normativen Konstruktion von Gesellschaft darstellen:

“Die normative Verbindung zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft wird nach bestimmten Prinzipien hergestellt, die sich in allen Gesellschaften entwickelt haben.

Jede Gesellschaft kennt die Idee der Gleichheit, die im Entwurf von Normen Gestalt gewinnt, die für alle Mitglieder gelten. In der Allgemeinheit der Verpflichtungen erhält die Tatsache des bloßen Dazugehörens einen Eigenwert, der sich gegen alle Besonderheiten und sozialen Unterschiede der Mitglieder durchsetzt.

Jede Gesellschaft kennt die Auffächerung ihrer Mitglieder in Personenkategorien mit jeweils spezifischen Verpflichtungen und Ansprüchen, und jede Gesellschaft entwickelt Strukturen, die Mitglieder mit normativ ungleichartigem Status in Beziehung setzen.

In jeder Gesellschaft ist die normative Differenzierung so gebremst, dass sie nicht bis zur Trennung aller einzelnen Individuen vordringt. SIe individualisiert die Mitglieder nicht, sondern kategorisiert sie. Damit entstehen Enklaven spezieller normativer Gleichheiten und Gemeinsamkeiten innerhalb des Gefüges der Ungleichartigkeiten.

Diese drei Prinzipien normativer Verbindung zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft haben eine strukturelle Basis in der Integrationskultur: die allgemeinen Zugehörigkeitsnormen in der sozialen Einheit, dem primären sozialen Gehäuse, in das ein Kind hineinwächst; die Verbindungen zwischen Personenkategorien mit verschiedenen Verpflichtungen in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern; die Möglichkeit spezieller normativer Gleichheiten und Gemeinsamkeiten in der Geschwisterschaft.” (Popitz, Die normative Konstruktion von Gesellschaft, S.90-91).