Ökonomie: Armut und Gesundheit

Macht Armut krank? Ist Gesundheit vom Geldbeutel abhängig? Wissenschaftler haben sich diesen Fragen auf den verschiedensten Wegen und mit den verschiedensten Operationalisierungen genähert. Hier ein paar Beispiele für die Forschung, die unter dem Stichwort “economic gradient” erfolgt.

Obwohl der ökonomische Gradient nicht immer als ökonomischer Gradient bezeichnet wird, sondern zuweilen unter der Bezeichnung SES Gradient (Adams et al. 2003) als Health Gradient (Hostenkamp & Stolpe 2006) oder als SES Health Gradient (Finch 2003: 676) firmiert, bezieht er sich in den meisten Fällen darauf, dass „poorer people tend to be less healthy“ (Lokshin & Ravallion 2008: 1237) als Reiche. Der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit wird jedoch in der unterschiedlichsten Weise operationalisiert. Während bei der Frage, wie Armut gemessen werden soll, insofern Einigkeit besteht als Armut zumeist durch die Höhe des verfügbaren Einkommens bzw. des verfügbaren Kapitals (Wealth) gemessen wird, ist die Frage, was als Maß für Gesundheit gelten soll, nicht so eindeutig zu beantworten.

• Finch (2003) setzt in seiner Studie das aggregierte Haushaltseinkommen mit der Kindersterblichkeit ins Verhältnis;
• Adams et al. (2003) untersuchen in ihrer Studie den Zusammenhang zwischen Einkommen und einer Reihe klinischer Symptome;
• Pritchett und Summers (1996) operationalisieren den Zusammenhang zwischen sozio-ökonomischem Status und Gesundheit durch das Einkommen per capita (also ein Aggregatdatum) und Prävalenz von Kindersterblichkeit sowie Lebenserwartung (also zwei Aggregatdaten)
• Marmot et al (1991) untersuchten den Zusammenhang zwischen der Position, die ein Angestellter im Civil Service (Whitehall) der englischen Regierung hatte und dem Vorhandensein bestimmter klinischer Symptome;

Von den genannten Studien und ihren Operationalisierungen sind Studien zu unterscheiden, die auf Individualdaten basieren und in deren Verlauf Personen Angaben über ihr Einkommen machen und ihren Gesundheitszustand selbst einschätzen, d.h. in denen für die Messung von Gesundheit kein Maß genutzt wird, das intersubjektiv prüfbar wäre.

• Lokshin & Ravallion (2008) operationalisieren den sozio-ökonomischen Status über das Einkommen sowie eine Selbsteinschätzung der Befragten, bei der Letztere angeben müssen, wo sie ihren Reichtum auf einer neun Stufen umfassenden Treppe einordnen, bei der die erste Stufe für die Ärmsten und die neunte Stufe für die Reichsten in einer Gesellschaft (in diesem Fall der russischen Gesellschaft) steht. Der Gesundheitszustand wird über die Frage „How would you evaluate your health“ und über bestimmte selbstberichtete Erkrankungen operationalisiert (z.B. Lungen- oder Leberprobleme).
• Frijters, Haisken-DeNew und Shields (2005) nutzen die Angaben zum Einkommen, die die im sozio-ökonomischen Panel des DIW befragten Personen machen und korrelieren die entsprechenden Angaben mit den entsprechenden Antworten auf die Fragen nach der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit und der Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit.
• Hostenkamp und Stolpe nutzen das logarithmierte Einkommen nach Steuer eines Befragten aus dem sozio-ökonomischen Panel des DIW und korrelieren es mit der Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit (Siehe Fußnote 4).

Die Tatsache, dass unterschiedliche Studien unterschiedliche Operationalisierungen nutzen, erklärt zum Teil die uneinheitlichen Ergebnisse, die in der Literatur zum ökonomischen Gradienten zu finden sind.