Philosophie: Die Kunst, Recht zu behalten

Arthur Schopenhauer war nicht nur einer der größten Philosophen, die Deutschland nach Kant hervorgebracht hat. Er war nicht nur erbitterter Gegner und Kritiker von GWF Hegel, er hat auch ein kleines Brevier geschrieben, in dem er die Kunstgriffe von Luftbeuteln analysiert, mit denen diese versuchen, Recht zu behalten, obwohl sie keinerlei Argument vorbringen können, das in der Lage wäre, das vorgebrachte Gegenargument zu entkräften.

Wir zitieren hier den Kunstgriff Nr. 31 aus dem Breview von Schopenhauer:

quoteWo man gegen die dargelegten Gründe des Gegners nichts vorzubringen weiß, erkläre man sich mit feiner Ironie für inkompetent: ‘Was Sie sagen, übersteigt meine schwache Fassungskraft: es mag sehr richtig sein; allein ich kann es nicht verstehn, und begebe mich alles Urteils.’ – Dadurch insinuiert man den Zuhörern, bei denen man in Ansehn steht, dass es Unsinn ist. So erklärten beim Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft oder vielmehr beim Anfang ihres erregten Aufsehns viele Professoren von der alten eklektischen Schule ‘wir verstehn das nicht’, und glaubten, sie dadurch abgetan zu haben. – Als aber einige Anhänger der neuen Schule ihnen zeigten, dass sie Recht hätten und es wirklich nur nicht verständen, wurden sie sehr übler Laune.

Man darf den Kunstgriff nur da brauchen, wo man sicher ist, bei den Zuhöreren in entschieden höherm Ansehn zu stehen als der Gegner – z.B. ein Professor gegen einen Studenten. Eigentlich gehört dies zum vorigen Kunstgriff und ist ein Geltendmachen der eigenen Autorität, statt der Gründe, auf besonders malifiziöse Weise. – Der Gegenstreich ist: ‘Erlauben Sie, bie Ihrer großen Penetration, muss es Ihnen ein leichtes sein, es zu verstehn, und kann nur meine schlechte Darstellung schuld sein’, – und nun ihm die Sache so ins Maul schmieren, dass er sie nolens volens [ob er will oder nicht] verstehn muss und klar wird, dass er sie vorhin wirklich nur nicht verstand. – So ist’s retorquiert: er wollte uns’UnsinnÄ insinuieren; wir haben ihm ‘Unverstand’ bewiesen. Beides mit schönster Höflichkeit” (Schopenhauer, “Die Kunst, Recht zu behalten”, S.65-66)