Ein Klassiker der Soziologie: The Lonley Crowd

„The Lonely Crowd: A Study of the Changing American Character“ von David Riesman in Zusammenarbeit mit Reuel Renney und Nathan Glazer aus dem Jahr 1950 (New Haven: Yale University Press)

the_lonely_crowdAls David Riesman, der zunächst einen Abschluss in Biochemie und danach einen in Rechtwissenschaft an der Harvard-Universität erworben hatte, sein fast 400 Seiten starkes Buch „The Lonely Crowd“ im Jahr 1950 veröffentlichte, war er seit einigen Jahren Professor für Soziologie an der Universität Chicago.

Geschrieben hat Riesman das Buch aber während eines einjährigen Forschungsaufenthaltes an der Yale-Universität, wo er Nathan Glazer zur Mitarbeit an dem Projekt gewann. Reuel Renney war ein Kollege Riesmans an der Universität Chicago, der sich besonders für Populärkultur interessierte.

In diesem Buch beschrieb Riesman den Übergang Amerikas von einer produktionswirtschaftlich dominierten Gesellschaft zu einer marktwirtschaftlichen, in deren Zentrum die Entstehung einer Konsumkultur stand, die wiederum eine neue Mittelklasse hervorbrachte. Was Riesman in diesem Zusammenhang besonders interessierte, war die Frage nach dem Sozialcharakter der neuen Mittelklasse, denn, so Riesman: „Social character is the product of social forms; in that sense, man is made by his society“ (Riesman 1950: 3).

Wenn sich „soziale Formen“ verändern, verändern sich auch Sozialcharaktere. Riesman berief sich in diesem Zusammenhang u.a. auf Erich Fromm, mit dem er sich intensiv auseinandergesetzt hatte und der postulierte, dass eine gut funktionierende Gesellschaft erfordert, dass die Gesellschaftsmitglieder einen Sozialcharakter entwickeln, der sie wollen lässt, was sie angesichts der gegebenen sozialen Verhältnisse in der Gesellschaft bzw. als Repräsentanten bestimmter sozialer Gruppen in der Gesellschaft tun sollen oder müssen (s. Riesman 1950: 5).

Die gesellschaftliche Entwicklung Amerikas beschrieb Riesman als eine, der eine Entwicklung der Sozialcharaktere entsprach, wobei er drei Sozialcharaktere unterschied, den traditionsgeleiteten, den innerlich geleiteten und den äußerlich geleiteten.

Der traditionsgeleitete Sozialcharakter folgt im Wesentlichem dem, was die Vorfahren für richtig hielten und getan haben, aber nicht unbedingt, weil er die Normen der Vorfahren verinnerlicht hat, sondern weil das ihn umgebende Regelsystem kaum alternative Verhaltensweisen zulässt.

Hiervon unterscheidet sich nach Riesman der innerlich geleitete Sozialscharakter, der die Normen, die ihm in der Kindheit vermittelt wurden, internalisiert hat. Sein Verhalten wird auch dann noch von diesen Normen geprägt, wenn er der Kontrolle durch seine Eltern (oder andere Personen) entwachsen ist.

Der außengeleitete Sozialcharakter orientiert sich an dem, was ihm von außen angeboten wird, also an peer groups oder dem, was er als öffentliche Meinung wahrnimmt. Für Riesman ist der außengeleitete Sozialcharakter derjenige, der der sich damals entwickelnden Konsumkultur entspricht. Riesman kann also der sogenannten „Culture-Personality“-Schule zugerechnet werden, wie sie seit den 1930er-Jahren in der Kulturanthropologie u.a. von Ruth Benedict, Margaret Mead und Abram Kardiner entwickelt worden war.

Was das Buch von Riesman so erfolgreich gemacht hat, dass es sich über eine Million mal verkaufte und heute als Klassiker der Soziologie angesehen wird, ist aber nicht Riesmans Sozialcharakter-Typologie als solche, sondern die Tatsachen, dass sie eingebettet ist in eine umfassende Betrachtung der Entwicklung Amerikas und des amerikanischen Alltagslebens in den 1950er-Jahren, womit viele Ansatzpunkte für Gesellschafts- und Zeitgeistanalysen in der Folgezeit gegeben werden, und dass das Buch in einer auch für Nicht-Soziologen gut verständlichen Sprache verfasst ist.

Beim Lesen dieses Buches sollte man aber bedenken, dass es sich um eine Interpretation gesellschaftlicher Entwicklungen, wie Riesman sie wahrgenommen hat, handelt. Es basiert nicht auf einer empirischen Studie, ist also nicht datengestützt und stellt keinen empirischen Test einer Theorie dar. Riesman selbst hat daran erinnert, dass „[r]esearch is almost too formal a term for the speculative essay The Lonely Crowd turned out to be …”.

Das Buch ist aber von bleibendem Interesse, weil es eine
umfassende Gesellschaftsanalyse versucht, die sich aus soziologischem, philosophischem, historischem, psychoanalytischen und kulturwissenschaftlichem Gedankengut speist. Es stellt das dar, was man einen „großen Wurf“ nennt, und es hat verschiedenen einflussreichen Entwicklungen in den Sozialwissenschaften den Weg geebnet, so z.B. der Kulturdimensionen-Theorie von Geert Hostede.