Parteiensoziologie: Gesetz der Oligarchie

Dass die Politik, die von Parteien nach einer Wahl gemacht wird, nicht immer mit dem übereinstimmt, was dieselben Parteien vor der Wahl versprochen haben, ist bekannt. Dass die Politik, die Parteiführer machen, nicht immer zu den Interessen der eigenen Mitglieder passen, ist auch relativ gut bekannt. Dass die Politik, die Parteiführer machen, gar nicht zu den Interessen der eigenen Mitglieder passen kann, ist eine ziemlich alte Erkenntnis, die Robert Michels in seinem 1911 erschienenen Buch “Soziologie des Parteiwesens” bereits dargelegt hat:

quote“Die Partei als äußeres Gebilde, als Mechanismus, ist nicht ohne weiteres mit der Parteigenossenschaft oder gar der Klasse identisch. Die Partei soll nur Mittel zum höheren Zweck sein. Wird sie Selbstzweck, mit eigenen, selbständigen Zielen und Interessen, so trennt sie sich teleologisch von der Klasse, die sie vertritt, ab. In einer Partei brauchen die Interessen der in ihr organisierten Massen mit denen des den Parteiorgansimus vertretenden Beamtenkörpers keineswegs zusammenzufallen. Das – konservative – Interesse des Beamtenkörpers kann in bestimmten politischen Situationen eine defensive oder gar regressive Politik erfordern, während die Interessen der Arbeiterklasse, eine mutige und draufgängerische Politik erheischen würden, oder, wenn auch weit seltener, umgekehrt. Es ist ein unabänderliches Sozialgesetz, dass in jedem durch Arbeitsteilung entstandenen Organ der Gesamtheit, sobald es sich konsolidiert hat, ein Eigeninteresse, ein Interesse an sich selbst und für sich selbst, entsteht. Die Existenz von Eigeninteresse im Gesamtverband jedoch involviert die Existenz von Reigungsfläcghen und von Gegensätzen zum Gesamtinteresse. Mehr noch: durch die gesellschaftliche Funktion, die sie verrichten, unterschiedene soziale Schichten schließen sich unter sich zusammen und bilden Organe, die ihre eigenen Interessen vertreten.

Die Formel von der Notwendigkeit der Ablösung einer herrschenden Schicht durch eine andere und das von ihr abgeleitete Gesetz der Oligarchie als der vorbestimmten Form menschlichen Zusammenlebens in größeren Verbänden wirft die materialistische Geschichtsauffassung keineswegs über den Haufen, ersetzt sie nicht, sondern ergänzt sie nur.” (Michels, Soziologie des Parteiwesens, S.166)