Ethnologie: Die Unterscheidung zwischen etischer und emischer Forschungsperspektive

traumatisch-tropen… geht auf den amerikanischen Linguisten und Kulturanthropologen Kenneth Pike (1912-2000) zurück. Pike meinte, dass ein Forscher, der menschliches Verhalten beobachtet, das beobachtete Verhalten grundsätzlich auf zwei verschiedene Weisen betrachten kann, die er als die etische und die emische Betrachtungsweise beschreibt, und zwar wie folgt:

„The etic viewpoint studies behavior as from outside of a particular system, and as an essential initial approach to an alien system. The emic viewpoint results from studying behaviour as from inside the system” (Pike 1967: 37).

Die etische Perspektive auf menschliches Verhalten beschreibt und interpretiert oder erklärt das beobachtete Verhalten also auf der Grundlage von Kategorien, die der Forscher mitbringt. Indem er diese Kategorien an das beobachtete Verhalten heranträgt, erhält er mentalen Zugang zum beobachteten Verhalten; es wird ihm verständlich, eben weil er im beobachteten Verhalten ihm bekannte Sinngebungen und –bezüge (wieder-)erkennt.

Im Unterschied zu etischen Perspektive beschreibt und interpretiert oder erklärt ein Forscher, der die emische Perspektive wählt, von ihm beobachtetes Verhalten im Rahmen der Sinngebungen und –bezüge, die die Menschen, die dieses Verhalten zeigen, ihm selbst geben. Der Forscher macht sich das beobachtete Verhalten dadurch verständlich, dass er zu klären versucht, welche Annahmen, Motive etc. Dem Verhalten mit Bezug auf den kulturellen Kontext, in dem es stattfindet, zugrundeliegen.

Die Unterscheidung zwischen etischer und emischer Perspektive ist allerdings eine idealtypische, d.h. in einer realen Forschungssituation kann ein Forscher nicht eine der beiden Perspektiven wählen, je nachdem, was genau sein Forschungsinteresse ist, und zwar aus dem folgenden Grund:

Tatsächlich kann ein Forscher, wenn er in ein fremdkulturelles Forschungsfeld eintritt und beginnt, in diesem Feld das Verhalten fremdkultureller Menschen zu beobachten, gar keine emische Perspektive einnehmen, weil es ihm an Wissen über die kulturellen Grundlagen des Verhaltens der Menschen, das er beobachtet, mangelt. Anfänglich kann der Forscher also gar nicht anders, als eine etische Perspektive einzunehmen. Er kann sich zunächst lediglich darum bemühen, erstens seine eigenen Erwartungen, Normalitätsvorstellungen, Bewertungen etc. zurückzustellen und dem, was er beobachtet, möglichst offen gegenüberzustehen, und zweitens herauszufinden, auf welchen kulturellen Grundlagen das beobachtete Verhalten beruht bzw. wie das Verhalten angesichts dieser Grundlagen Sinn macht. Eine emische Perspektive einzunehmen, wird dem Forscher erst mit der Zeit möglich. Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass es dem Forscher jemals vollständig gelingen kann, keine eigenen Kategorien, Erwartungen oder Bewertungen an das von ihm beobachtete Verhalten heranzutragen. Ein Forscher kann sich deshalb nicht zu Beginn seiner Forschung für eine der beiden Perspektiven entscheiden und seine Forschung ausschließlich aus dieser Perspektive heraus betreiben.

Es ist aber nützlich, wenn sich der Forscher vor Beginn seines Forschungsprojektes fragt, ob es eine überwiegend etische oder überwiegend emische Perspektive erfordert, damit er seine Bemühungen dementsprechend gewichten kann. Zum Beispiel erfordert eine kultur- oder gesellschaftsvergleichende Forschung die Betrachtung aus etischer Perspektive, während die emische Perspektive kultur- oder gesellschaftsspezifisch ist und dann angestrebt werden muss, wenn es gerade darum geht, Sinnzusammenhängen in einer bestimmten Kultur oder Subkultur auf die Spur zu kommen oder die eigenen Normalitätsvorstellungen und Bewertungen einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Paul Klipp (2012) gibt hierzu das folgende Beispiel:

„I recently read a striking contrast between the two approaches in an ethnography on a community in Central America which practices infanticide. The ethnologist points out that infanticide is a practice that allows impoverished families to maintain a minimal living standard without the burden of children who for one reason or another are unlikely to contribute to the family’s economic well-being. That is an etic description. Mothers in this group describe such children as being “born without a will to live” and therefore they might feed them last, or not at all, or deny them medical care that the family can’t afford. That is an emic description that serves to remind us that what one calls murder is rarely considered murder by the people involved. “

Die Unterscheidung zwischen etischer und emischer Perspektive ist nicht nur für Ethnologen oder Sozialforscher wichtig, die Aussagen über Subkulturen machen wollen; sie wirft auch grundlegende Fragen danach auf, wer aufgrund welcher Sinnstiftungsprozesse menschliches Verhalten beurteilen kann, soll oder darf, ist also für ethische Fragen – diesmal ethisch mit „h“! – relevant.

Literatur:
Klipp, Paul, 2012: Emic and Etic Approaches to Explaining Team Behaviour.

Pike, Kenneth, 1967: Language in Relation to a Unified Theory of the Structure of Human Behavior. The Hague: Mouton.