Sozialpsychologie: Kontakthypothese

Die Kontakthypothese wird häufig wie folgt – hier nach dem DORSCH-Lexikon der Psychologie – beschrieben:

„[D]ie K[ontakthypothese] wurde 1954 von G. Allport entwickelt und besagt, dass häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen … die Vorurteile gegenüber diesen Gruppen reduziert.“

Dies ist ungefähr richtig, aber nur ungefähr, denn tatsächlich ist die Kontakthypothese eng verbunden mit der sogenannten Allport Scale of Prejudice and Discrimination aus dem Jahr 1954. Die Skala, die von dem amerikanischen Sozialpsychologen Gordon W. Allport entwickelt wurde, umfasst die folgenden fünf Stufen:

gordon-allport. „Antilocution“ bedeutet, dass Personen Witze über Angehörige anderer sozialer Gruppen machen, die auf Stereotypen beruhen, d.h. verallgemeinerten Vorstellungen über die „typischen“ Eigenschaften von Angehörigen der anderen sozialen Gruppe. Oder sie sprechen über die Angehörigen anderer sozialer Gruppen auf der Basis dieser verallgemeinerten Vorstellungen.

2. „Avoidance“ bedeutet, dass die Angehörigen einer sozialen Gruppen von Angehörigen einer anderen sozialen Gruppe gemieden werden.

3. „Discrimination“ bezeichet den Versuch der Angehörigen einer sozialen Gruppe, die Angehörigen einer anderen sozialen Gruppe zu schaden, indem sie ihnen den Zugang zu bestimmten Ressourcen versperrt oder ihnen bestimmte Chancen (wie z.B. Zugang zum Arbeitsmarkt) vorenthält.

4. „Physical Attack“ heißt, dass die Angehörigen einer sozialen Gruppe gegen die Angehörige einer anderen sozialen Gruppe gewalttätig wird, sie körperlich verletzt oder ihr Eigentum zerstört.

5. „Extermination“ bedeutet, dass die Angehörigen einer sozialen Gruppe versucht, die Angehörigen einer anderen sozialen Gruppe zu eliminieren.
Wie man sieht kommen Vorurteile („prejudice“) in dieser Skala nicht vor. Vielmehr kommt der Begriff im Titel der Skala vor und wird dort gemeinsam mit „Diskriminierung“ als ein zusammenfassender Begriff benutzt.

Was die Kontakthypothese genau besagt, ist, dass ein Mehr an Kontakt zwischen Individuen, die antagonistischen sozialen Gruppen angehören, zu einem Abbau von Stereotypen, führt, die die Angehörigen der beiden sozialen Gruppen voneinander haben oder zumindest die Angehörigen einer Gruppe von den Angehörigen der anderen Gruppe. Die Kontakthypothese setzt also an Stufe 1 der Allportschen Skala an. Die empirische Prüfung der Kontakthypothese muss deshalb auch auf der Messung von stereotypen Vorstellungen über Angehörige einer anderen sozialen Gruppe beruhen und nicht z.B. auf Fragen dahingehend, ob einem die Angehörigen einer bestimmten (anderen) sozialen Gruppe (mehrheitlich) sympathisch sind oder ob man einem Angehörigen einer bestimmten (anderen) Gruppe in einer bestimmten Situation helfen würde.

Bei der Würdigung der Ergebnisse empirischer Studien zur Kontakthypothese gilt es, dies zu beachten.

Literatur:
Allport, Gordon W., 1954: The Nature of Prejudice. Reading: Addison-Wesley.