Soziologie: Rollenerwartungen

Kaum jemand hat wie Ralf Dahrendorf die Rollentheorie in der Soziologie geprägt. Während Goffman sich mehr dafür interessiert hat, wie Akteure Rollen, die sie übernehmen, füllen, wie sie sich in den Rollen inszenieren, hat Dahrendorf den Blick auf die Erwartungen gerichtet, die sich mit sozialen Rollen, sei es eine berufliche Position wie die des Richters oder eine soziale Position wie die des Großvaters, verbinden:

quote“Die meisten sozialen Rollen ernthalten solche Elemente, solche Muß-Erwartungen (…), denen wir uns nur auf die Gefahr gerichtlicher Verfolgung hin entziehen können.[…] Außer Muß-Erwartungen kennen die meisten sozialen Rollen gewisse Soll-Erwartungen, deren erzwingbare Verbindlichkeit kaum geringer ist als die der Muß-Erwartungen. Auch bei Soll-Erwartungen überwiegen negative Sanktionen, obwohl derjenige, der ihnen stets pünktlich nachkommt, der Sympathie seiner Mitmenschen sicher sein kann: er ‘verhält sich vorbildlich’, ‘tut immer das Richtige’, auf ihn ‘ist Verlaß’. Dagegen darf derjneige sich vor allem positive Sanktionen erhoffen, der einer dritten Gruppe von Rollenerwartungen regelmäßig nachkommt, den Kann-Erwartungen. Wenn Herr Schmidt einen großen Teil seiner Freizeit damit zubringt, Gelder für seine Partei zu sammeln, wenn er als Studienrat freiwillig ein Schulorchester leitet oder als Vater seinen Kindern jede freie Minute schenkt, dann tut er, wie wir sagen, ‘ein Übriges’ und erwirbt sich damit die Schätzung seiner Mitmenschen.” (Dahrendorf, Homo Sociologicus, S.37-39)